Internationaler Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz 2026

Preisträger 2026: Juri Andruchowytsch

Der Dichter, Schriftsteller, Essayist und Übersetzer Juri Andruchowytsch erhält den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz 2026. Das Kuratorium zur Vergabe des Internationalen Stefan-Heym-Preises würdigt mit der Auszeichnung das Werk und Wirken des Autors als eine der wichtigsten literarischen und intellektuellen Stimmen der Ukraine. 

Die Entscheidung des Kuratoriums gab Kulturbürgermeisterin Dagmar Ruscheinsky heute bekannt. Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz 2026 wird am Samstag, dem 18. April, in einer Festveranstaltung in der Eventlocation ‚die fabrik‘ feierlich verliehen. 

Juri Andruchowytsch Foto: Stefan Klüter

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch, Jahrgang 1960, wurde bekannt durch die 1985 gegründete Performancegruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). In experimentell-satirischen Gedichten übte die Gruppe Kritik am real existierenden Sozialismus und nahm nachhaltigen Einfluss auf die ukrainische Literaturszene. Nach Erscheinen seiner letzten Gedichtbände 1991 und 1997 widmet Andruchowytsch sein Schaffen überwiegend der erzählenden Prosa und publizistischen Essayistik, bleibt aber insbesondere in seinen Romanen seiner Vorliebe für das Vielschichtige, Schelmisch-satirische und zuweilen Grotesk-karnevaleske treu. 

Motiv für Andruchowytschs schriftstellerischen Aktivismus ist die besondere Situation seines Heimatlandes. Mit dem Beitritt Polens an die Außengrenze der EU gerückt, war die Ukraine in Westeuropa und den USA noch immer eine Terra incognita. Diese damalige (Nicht-)Verortung der Ukraine in Europa reflektierte er in „Das letzte Territorium“ (2003). Während der Orangenen Revolution beteiligte sich Andruchowytsch in der Ukraine an den Demonstrationen der Opposition. „Dvanadcjat’ obrutschiv“ (dt. „Zwölf Ringe“, 2007, Suhrkamp Verlag) war sein erster ins Deutsche übersetzter Roman. Er reflektiert das Chaos der postsozialistischen Übergangszeit und die Geburt eines neuen Staates. 

Zudem gab er auf Deutsch das Buch „Euromaidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ (2014, Suhrkamp Verlag) heraus. Darin untersuchen Autor:innen und Wissenschaftler:innen den Moment der Revolution aus ihren ganz individuellen Perspektiven und suchen Antworten auf die Frage: Wird es sie geben: eine freie, selbstbestimmte Ukraine an der Seite Russlands und Europas? Im Jahr 2023 erschien ebenfalls im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Der Preis unserer Freiheit“ eine weitere Sammlung von Essays. Sie macht deutlich, dass Andruchowytsch mit seinem wachen Blick für die politischen Entwicklungen und die ukrainische Gesellschaft schon lange vor 2022 vor den Ansprüchen und Bestrebungen Russlands warnte. 

In der Bezeichnung des aktuellen Preises mag ich am besten den Punkt mit der Einmischung – in gesellschaftliche wie politische Debatten natürlich. Und ich mische mich gern ein.

Um es in der Sprache von einem, der Amerika wirklich groß gemacht hat, zu sagen – ‚I have a dream‘. Jemand will einen Deal, ich habe einen Dream. Mein Dream dreht sich natürlich immer um ein und dasselbe: eine starke Ukraine in einem starken Europa.

Die Zeit ist gekommen, in der Europa nicht mehr erröten und sich für das Attribut ‚stark‘ schämen muss. Ich setze es inzwischen vor alle anderen Attribute – ‚wohlhabend‘, ‚rechtsstaatlich‘, ‚sozial‘, ‚tolerant‘, ‚vielfältig‘… Nichts davon gibt es ohne Stärke. Stark, weil frei. Sicher, weil stark. Und ohne eine starke und freie Ukraine kann ich mir einfach kein starkes, freies und sicheres Europa mehr vorstellen.

Juri Andruchowytsch
Autor, Preisträger des Stefan-Heym-Preises 2026


Stimmen zum Stefan-Heym-Preis 2026

Mit dem Internationalen Stefan-Heym-Preis erinnert die Stadt Chemnitz an ihren großen Sohn Stefan Heym und an die besondere Rolle von Literatur, sich kritisch, mutig und mit klarem Blick in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Der Preis steht für eine Literatur, die Haltung zeigt, Fragen stellt und öffentliche Diskussionen anstößt – ganz im Sinne des literarischen und politischen Wirkens Heyms.

Zugleich knüpfen wir damit bewusst an die literarische Tradition unserer Stadt an, zu der neben Heym auch Autorinnen und Autoren wie Irmtraud Morgner oder Stephan Hermlin gehören. Der Preis ist deshalb nicht nur eine Auszeichnung für herausragende Literatur, sondern auch eine Ermutigung für die Chemnitzer Literaturszene. Zur Stärkung dieser Kontinuität von Chemnitz als literarischem Ort vergibt die Stadt auch regelmäßig ein Literaturstipendium.

Dagmar Ruscheinsky
Kulturbürgermeisterin der Stadt Chemnitz

Auf meisterhafte Weise verknüpft Juri Andruchowytsch seine fiktiven Geschichten mit den großen historischen Entwicklungen und politischen Umbrüchen in seiner ukrainischen Heimat. Sowohl in seinem literarischen als auch publizistischen Werk erweist er sich als ein unermüdlicher Verfechter und Kämpfer für das Projekt ‚Europa‘ – als ein Kämpfer freilich, dessen Werk sich aus Lebens- und Leidenserfahrung, aus scharfsinniger Beobachtung, aus unbestechlicher Urteilskraft und natürlich aus der Kraft der Phantasie und der Genialität für literarische Formen speist. Statt auf Verbissenheit setzt er auf die kritische Waffe des Humors und damit auf die Freiheit des Worts.

Meine Leseempfehlung zum Einstieg: ‚Mittelöstliches Memento‘, publiziert in ‚Mein Europa: Zwei Essays über das sogenannte Mitteleuropa‘.

Prof. Dr. Bernadette Malinowski
Professorin für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der TU Chemnitz

Wenn einer wie ich heute vor Ihnen steht‘, so spricht Stefan Heym in seiner Rede als Alterspräsident 1994 zur Eröffnung des Bundestages. Einer wie er – also ein politischer Flüchtling schon 1933, ein Exilschriftsteller von Weltformat und Bestsellerautor, ein Sozialist, ein Dissident auf Lebenszeit, der sich nicht nur mit seinen Büchern immer einmischte und für Demokratie einsetzte, auch wenn es für ihn unbequem war und Folgen hatte – ist Namensgeber eines internationalen Literaturpreises, den die Stadt Chemnitz auslobt. Das macht, gerade auch in Zeiten wie unseren, Mut und unterstreicht die Bedeutung von Literatur und ihrem Wirken. Mit dem diesjährigen Preisträger wird jemand gewürdigt, der sich zu aktuellen Fragen nicht nur literarisch, sondern auch in Reden und Vorträgen äußert – wie es auch Stefan Heym tat.

Petra Seedorff
Vorstandsvorsitzende der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft e. V.


Festliche Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises der Stadt Chemnitz

Oberbürgermeister Sven Schulze verleiht den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz am 18. April 2026 an Juri Andruchowytsch. Die Verleihung findet traditionell im Umfeld des Geburtstages von Stefan Heym (10. April 1913) und dieses Jahr in der Eventlocation ‚die fabrik‘, Zwickauer Straße 145, statt. Beginn ist 18 Uhr, Einlass ab 17 Uhr. 

Interessierte Chemnitzer:innen sind zur Verleihung herzlich eingeladen. Der Eintritt ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist über das Bürgerbeteiligungsportal erforderlich, das unter 

www.chemnitz.de/heymtickets erreichbar ist. 

Internationaler Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz

Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz wird in Erinnerung an das Leben, Werk und Wirken von Stefan Heym, den Sohn und Ehrenbürger der Stadt, verliehen. Mit dem Internationalen Stefan-Heym-Preis sollen zeitkritische und couragierte Persönlichkeiten gewürdigt werden, die wie Stefan Heym als Schriftsteller:innen bzw. Publizist:innen herausragende und nachhaltig wirkende Leistungen erbracht haben. 

Erstmals wurde der Preis 2008 an Amos Oz verliehen. 2011 erhielt Bora Ćosić die Auszeichnung. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Stefan Heym wurde der Preis 2013 an Christoph Hein verliehen. 2017 erhielt die polnische Schriftstellerin und Publizistin Joanna Bator den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz. Die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulić und der schwedische Autor und Journalist Richard Swartz waren die Preisträger im Jahr 2020. 2023 erhielt die deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz.