"Von Friedensgeschichten müssen wir erzählen"
Christoph Magirius im Interview
Er kann sich ein Leben ohne das Thema Frieden nicht vorstellen, erzählt Ehrenbürger Christoph Magirius. Der 89-Jährige war nicht nur ein wichtiger Verhandlungspartner der Friedlichen Revolution 1989 in Chemnitz, sondern engagiert sich auch für den Friedenstag in Chemnitz. Seit einem Vierteljahrhundert ist er Teil der AG Friedenstag, die sich dafür einsetzt, dass der Schrecken des Krieges Chemnitz nie mehr erreicht und leistet Friedensarbeit mit den jungen Generationen. Was ihnen dabei besonders wichtig ist, schildert Christoph Magirius im Interview.
Was bedeutet Frieden für Sie?
Christoph Magirius: Ich bin Pfarrer von Beruf und es gibt einen Begriff, der ist sowohl für das Alte wie für das Neue Testament dominierend: Die Israelis nennen es „Schalom“ – Frieden. Das Schöne bei „Schalom“: Es ist ein umfassender Begriff. Da gehört all das hinein, was wir zum Leben brauchen. Wir wollen als Gemeinschaft leben. Wenn wir als Gemeinschaft leben wollen, muss es gerecht zugehen. Wenn es gerecht zugehen soll, müssen sehr unterschiedliche Leute berücksichtigt und ins Gespräch gebracht werden.
Und damit das alles so gedeihen kann, müssen die Waffen ruhen und es muss die Fähigkeit entwickelt werden, miteinander zu reden und Dinge auszuhandeln, die das Leben bringt, wo es Gegensätze gibt.
Sie sind Mitinitiator des Friedenstages. Woraus ist damals die Idee und der Wunsch entstanden, einen Friedenstag in Chemnitz ins Leben zu rufen?
1989 war ein wunderbares Jahr. Da haben wir gedacht: „Nun ist der Frieden ausgebrochen“. Europa, keine Gegensätze, keine Armeen, das viele Geld. Jetzt können wir wirklich das Leben gestalten. Aber Frieden – wie geht das? Und da gab es zwei Leute, die besonders genannt werden müssen: Hans-Joachim Vogel, ein Pfarrer, der sich gesellschaftlich schon immer ganz stark um Frieden bemüht hat, aber auch um Zusammenleben, Ausgleich und Gerechtigkeit. Er hat sich mit Sabine Kühnrich getroffen, sie ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Aber das Schöne war, obwohl sie so unterschiedlich sind, haben die beiden gesagt: „Eines verbindet uns – die Frage ‚Wie wird es jetzt werden in Europa und vor allem in unserer Stadt?‘ Sie wollten einen Friedensakzent in Chemnitz setzen. Da wollte ich unbedingt vorkommen.
Es war ja nicht so, dass der 5. März vorher nicht in der Stadt begangen worden ist. Es gab immer ein Gedenken an die Zerstörungen, die Opfer und da war unsere Überzeugung: Erinnerung ist ganz wichtig. Keiner darf vergessen werden. Und solche Einschnitte und solche Zerstörungen und Verwüstung schon gar nicht.
Wir wollten das Leben so gestalten, dass auch in Chemnitz Menschen, die hier leben, sich verstehen, aufeinander zukommen. Dass Gegensätze nicht einfach gelöst werden, indem man irgendwelche Leute ausschaltet, sondern die Menschen sollten vorkommen. Das war die Vision.
Dann kamen verschiedene Leute in der AG Friedenstag zusammen und ich habe selten in meinem Leben eine solch wunderbare Gruppe kennengelernt. Diese Zusammenarbeit zu erleben, bei der es kein festgelegtes Programm gibt, sondern wo Leute sich aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam auf den Weg machen. Es gab echte, wunderbare Debatten, aber nie feindselig, sondern mit viel Achtung.
Wie oft im Jahr treffen Sie sich mit der AG Friedenstag?
Ab September überlegen wir, was das Thema für den nächsten Friedenstag sein kann. Danach fragen wir uns, welche Kräfte könnten hier angesprochen werden. Gibt es Chöre, gibt es Tänzer? Gibt es Ausstellungen? Wir treffen uns meistens einmal im Monat und kurz vor dem 5. März auch häufiger.
Das diesjährige Motto ist „Friedenstüchtig bleiben“. Was heißt das für Sie konkret?
Das versuche ich am 5. März zu sagen. Meine These heißt: Friedensfähig werde ich in dem Augenblick, wo ich Friedensvorgänge und -geschichten entdecke und sie nicht ruhen lasse, sondern weitererzähle. Es gibt so viele Dinge, Begegnungen, Ereignisse und Freundlichkeiten, Aufeinanderzugehen und Hilfestellung – das sind alles Friedensgeschichten. Und von diesen Friedensgeschichten müssen wir erzählen, dass der Krieg keine Chance mehr hat, dass da gar kein Platz mehr ist.
Welche Erlebnisse aus den vergangenen 25 Jahren sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Alle. Aber das Beste sind die Friedenspreis-Veranstaltungen und die Friedenspreisträger. Das Bedeutende von Chemnitz ist, dass die Preisträger von hier kommen. Das ist uns wichtig.
Wenn Besucherinnen und Besucher vom Friedenstag nach Hause gehen, welche Haltung oder Botschaft nehmen sie mit?
Ich denke, die Botschaften werden ungeheuer verschieden sein. Zum Beispiel, wer mit auf dem Friedhof ist und hört eine Zeitzeugin sagen: »Wir haben alles verloren, aber das Leben, das haben wir erhalten«, der geht nach Hause und denkt: »Das sollte ich mir merken.« Oder wenn Menschen ein Friedensbanner sehen und ins Gespräch kommen mit einem Schüler, der das gemalt hat, wird ihnen klar: Ein Jahr lang beschäftigt sich so ein Schülerkreis mit dem Frieden.
Was können wir tun, um das Gedenken auch für künftige Generationen lebendig zu halten?
Das ist eine entscheidende Frage. Man muss in Schulen gehen, was wir auch gemacht haben. Persönliche Eindrücke weitergeben. Wenn also die Zeitzeugen nicht mehr in der Lage sind, das zu vermitteln, weil sie nicht mehr da sind, muss die kollektive Erinnerung in Studiengängen und in Schulprogrammen gepflegt werden. Das darf man nicht aus den Augen lassen.
Aber ich denke, da gibt es viele Impulse. Dass man vermitteln kann: Krieg ist so hart, das kann man sich gar nicht vorstellen. Kein Strom, kein Wasser, kein Essen, kein Nichts, kein Dach überm Kopf. Aber das kann man keinem Menschen einreden, man kann nur sagen: »Leute, bedenkt das und geht nicht leichtsinnig um mit eurer Entscheidung und mit den Möglichkeiten, die ihr habt.« Friedensfähig werden ist eine echte Aufgabe.
Das Interview mit Christoph Magirius zum Anschauen
Zur Person
Christoph Magirius
Der 1937 in Meerane geborene Pfarrer Christoph Magirius war von 1979 bis zum 1. September 1990 Superintendent in Chemnitz. Er war Mitorganisator des basisdemokratischen Runden Tisches (kommunale Ebene) 1989/90. Mehr als ein Jahrzehnt lang war Magirius ein Verhandlungspartner zwischen Staatsgewalt und Kirche. Er hat sich unerschrocken mit der Kraft seiner Persönlichkeit und seines Amtes für ein gegenseitiges Verständnis und für Konfliktbewältigung eingesetzt.
Am 3. Oktober 1990 wurde Christoph Magirius zum Ehrenbürger der Stadt Chemnitz ernannt.