Plötzlich fühlt sich Krieg wieder nah an
Zeitzeugen berichten zum Friedenstag
Der Chemnitzer Friedenstag ist jedes Jahr auch Anlass für ein Treffen der Zeitzeugen. Bei Kaffee und Kuchen tauschen sich die Überlebenden des 5. März 1945 aus. Mindestens genauso wertvoll ist aber, dass Schülerinnen und Schüler ihnen zuhören.
Renate Rößger hat den 5. März 1945 noch in sehr kräftiger Erinnerung, wie sie betonte. Sie war noch nicht mal fünf Jahre alt und wohnte damals in der Nordstraße gegenüber des Elektrizitätswerks, das am Abend lichterloh brannte. Sie verließen ihr Wohnhaus und rannten in Richtung Winklerstraße, in der damals ihre Großeltern wohnten. »Weil meine Mutter meine kleine Schwester auf dem Arm hatte und in der anderen Hand Gepäck, habe ich mich an die Hand einer fremden Frau gekrallt«, erzählt Renate Rößger. In zerrissener Hose stolperte das kleine Mädchen über Schuttberge und Glasscherben, während die Straßen vom Phospor brannten. »Jeder, der so etwas erleben musste, der kann immer nur ein Kriegsgegner bleiben«, ist Renate Rößger überzeugt. Wenn heute an jedem 5. März um 21 Uhr alle Glocken der Stadt läuten, »da heul' ich.«
Geschichten brennen sich ein
Solche Geschichten zu hören, das berührt Finja Becht. »Das hat mich schon ziemlich getroffen, vor allem wegen dem, was momentan in der Ukraine und im Iran passiert. Das macht mir schon Angst«, räumt die 16-Jährige ein, die der Einladung zum Zeitzeugentreffen gefolgt war.
Ich hatte Gänsehaut und mir kamen echt fast die Tränen.
Ähnlich ging es Lotte Herrmann, 15 Jahre alt: »Es war sehr emotional für mich. Zu hören, was die Leute als Kinder miterleben mussten, da kamen mir echt fast die Tränen.«
Dass die jungen Menschen das Thema Krieg heute wieder mehr beschäftigt, bestätigt Carolin Lippmann, Lehrerin an der Gruuna-Schule. »Krieg ist wieder mehr Thema unter Schülern, auch vor dem Hintergrund der Diskussion um die Wehrpflicht.« Umso wichtiger seien Aufklärung und Begegnungen mit Zeitzeugen. »Es ist etwas anderes, eine Dokumentation anzuschauen als eine Person aus der eigenen Stadt erzählen zu hören«, so Carolin Lippmann.