Rede des Oberbürgermeisters bei der Hauptveranstaltung
Sehr geehrter Herr Magirius,
sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des sächsischen Landtages, sehr geehrte Mitglieder des Chemnitzer Stadtrates,
sehr geehrte Mitglieder der AG Friedenstag,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer,
seit 25 Jahren ist der 5. März in Chemnitz mehr als ein Gedenktag.
Er ist unser Friedenstag.
Als dieser 2002 ins Leben gerufen wurde, lebten wir in einer Zeit, in der viele glaubten, die großen Kriege zwischen Staaten gehörten der Vergangenheit an. Nach dem Ende des Kalten Krieges sprach man von einer Friedensdividende. Man hoffte auf eine Weltordnung, in der Konflikte diplomatisch gelöst werden.
Doch auch damals gab es Kriege – in Afghanistan, in Afrika, im Nahen Osten. Weltweit existierten mehr als zwanzig größere bewaffnete Konflikte.
Heute, 25 Jahre später, müssen wir feststellen: Die Welt ist nicht friedlicher geworden. Im Gegenteil.
Seit 2022 herrscht mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wieder ein Krieg in Europa. Seit 2023 eskaliert der Krieg im Nahen Osten und spitzt sich seit dem vergangenen Wochenende leider jeden Tag zu. Im Sudan, in Myanmar, im Jemen, in Syrien – in vielen Regionen dieser Welt bestimmen Gewalt und Zerstörung den Alltag der Menschen. Neue geopolitische Spannungen entstehen, alte Konflikte brechen erneut auf. Sie geben nicht nur Anlass zur Sorge. Sie sind vor allem ein Grund zur Wachsamkeit.
Diese Entwicklungen bleiben nicht ohne Folgen für uns. Die Reform der Bundeswehr, Debatten über die Wehrpflicht, steigende Verteidigungsausgaben – all das sind Zeichen einer Zeit, in der Sicherheit neu gedacht wird.
Der Blick in die Welt zeigt uns: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, Frieden ist zerbrechlich.
Gerade deshalb lautet das diesjährige Motto unseres Chemnitzer Friedenstages so treffend: „Friedenstüchtig bleiben.“
Friedenstüchtig – das bedeutet nicht Naivität. Es bedeutet Haltung. Es bedeutet, entschieden für Toleranz, Demokratie, Dialog und Menschlichkeit einzutreten. Es bedeutet, sich jeder Form von Hass, Rassismus und Gewalt klar und eindeutig entgegenzustellen.
[Anrede],
was lernen wir also aus dem 5. März 1945? Wir lernen, wohin Entmenschlichung, Fanatismus und Machtstreben führen können. Wir lernen, dass Krieg niemals nur „die anderen“ trifft. Und wir lernen, dass Geschichte ein Prozess ist – der in unsere Gegenwart hineinwirkt.
Der Chemnitzer Friedenstag hat es in den vergangenen 25 Jahren geschafft, die Erinnerung an die Bombennacht nicht auf das Gedenken an die Opfer zu beschränken. Er verbindet Erinnerung mit Engagement – für Gegenwart und Zukunft. Er steht für Grundwerte wie Toleranz, Demokratie, Friedfertigkeit und Interkulturalität. Er setzt mit dem Chemnitzer Friedenspreis Zeichen über die Stadt hinaus. Mit dem Friedenstag zeigt Chemnitz Haltung.
Das Gedenken an die Bombenopfer wird getragen von vielen Bürgerinnen und Bürgern – still und persönlich, aber auch öffentlich und sichtbar.
Wir alle senden heute gemeinsam ein klares Signal:
Chemnitz steht für Frieden.
Chemnitz steht für Menschlichkeit.
Chemnitz steht gegen rechte Gewalt, gegen Rassismus und gegen jede Form von Extremismus.
„Friedenstüchtig bleiben“ heißt auch: die Erinnerung weitergeben. Im Gespräch zu bleiben. In den Familien. In den Schulen. In den Vereinen. In unserer Stadtgesellschaft. Damit unsere Kinder und Enkel in einer Welt leben können, in der Konflikte nicht mit Bomben, sondern mit Worten gelöst werden. Friedlich.
Es liegt an uns, was wir aus unserer Geschichte machen.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass der 5. März nicht nur ein Tag der Trauer bleibt, sondern ein Tag der Ermutigung. Ein Tag, an dem wir uns immer wieder neu verpflichten:
Nie wieder Krieg.
Nie wieder Nationalsozialismus.
Setzt euch dafür ein, dass Frieden bestehen bleibt.
Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind.
Und ich danke allen, die seit einem Viertel Jahrhundert diesen Friedenstag möglich machen.