Rede des Oberbürgermeisters bei der Kranzniederlegung

Oberbürgermeister Sven Schulze bei der Kranzniederlegung und Gedenkveranstaltung am Mahnmal der Bombenopfer des 5. März auf dem Städtischen Friedhof Foto: Kristin Schmidt

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrte Abgeordnete des sächsischen Landtages, 
sehr geehrte Mitglieder des Chemnitzer Stadtrates, 
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer,
liebe Schülerinnen und Schüler,
 

jedes Jahr am 5. März – dem Chemnitzer Friedenstag – stehen wir hier auf dem Friedhof – einem Ort der Stille, der Trauer und der Erinnerung. Am 5. März gedenken wir der schlimmsten Nacht in der Geschichte unserer Stadt. Einer Nacht, die sich tief in das Gedächtnis von Chemnitz eingegraben hat. Mit dem Aufheulen der Sirenen, das für viele Menschen damals schon belastende Gewohnheit war, begann sie. Doch an diesem Montagabend rechnete kaum jemand mit dem, was folgen sollte. Britische und amerikanische Bomber nahmen Chemnitz ins Visier. Luftminen, Brand- und Sprengbomben verwandelten unsere Stadt innerhalb von nur dreißig Minuten in ein Flammenmeer. Häuser stürzten ein, der Asphalt glühte, Menschen rannten verzweifelt durch die Straßen, umgeben von Feuer, Rauch und Tod.

[Anrede], 

ich möchte Ihnen heute eine Perspektive mitgeben, die mir persönlich sehr nahe ist. Mein Sohn ist 20 Jahre alt. Er hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht und sich in seinem letzten Schuljahr mit dem 5. März 1945 auseinandergesetzt und einen eigenen Text dazu verfasst. Einen Text voller Fragen, Sorgen und Gedanken. 

Darin schreibt er zum Beispiel:
Meine Generation kennt sich in Krieg, Leid und Zerstörung nicht aus. Wir haben sowas nie erlebt und wir können uns sowas gar nicht vorstellen. Selbst meine Eltern und Großeltern sind nach Ende des Krieges geboren. Wir kennen nichts anderes als Frieden. Aber heißt das, das Frieden selbstverständlich ist?

Und an einer anderen Stelle:
Heute gibt es wieder Krieg in Europa. Gar nicht so weit weg von uns. Zehn Stunden Autofahrt entfernt. Werden Städte zerstört, sterben tausende Menschen, kommt es zu Fluchtbewegungen. Auch in unserer Schule lernen ukrainische Schülerinnen und Schüler.

Kennen wir ihr Schicksal? Bewegt uns das oder lässt es uns kalt? Ist uns bewusst, wie zerbrechlich Frieden sein kann und wie nah Krieg?

Diese Gedanken eines jungen Menschen machen deutlich: Erinnern heißt nicht nur zurückzuschauen. Erinnern heißt auch, Verantwortung für die Gegenwart und für die Zukunft zu übernehmen.

Wir, die heute Lebenden, tragen keine persönliche Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus und an dem von Deutschland ausgegangenen Vernichtungskrieg. Aber wir tragen die Verantwortung, dass diese Geschichte nicht vergessen wird. Und dass sie sich nicht wiederholt. Wir tragen die Verantwortung, die Ursachen zu benennen: Menschenverachtung, Rassismus, Antisemitismus, das Sich-Überhöhen über andere, Nationalismus und der Wille zur Gewalt.

Und wir tragen die Verantwortung, dass das Gedenken an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges nicht missbraucht wird – nicht relativiert, nicht instrumentalisiert, nicht gegen andere ausgespielt.

Leider kennen inzwischen immer mehr junge Menschen Krieg nicht mehr nur aus Büchern oder Erzählungen, sondern aus eigenem, schmerzlichem Erleben. 81 Jahre nach der Zerstörung von Chemnitz gehören bombardierte Städte, getötete Zivilisten, Flucht und Leid wieder zu ihrem Leben. Seit dem vergangenen Wochenende spitzt sich jeden Tag der Krieg im Nahen Osten weiter zu. Wieder müssen Menschen aus ihrer Heimat fliehen, aus Angst um ihr Leben. 

Auch hier bei uns in Chemnitz leben und lernen junge Menschen, die vor Kriegen geflohen sind. Ihre Geschichten machen deutlich: Frieden ist kein Zustand, der – einmal erreicht – für immer bleibt. Frieden ist ein ständiger Prozess, der bedroht und verletzlich ist – und er braucht unseren täglichen Einsatz. 

Wir erleben eine Welt, in der Angst und Unsicherheit wachsen und zugleich verstärkt über Aufrüstung, über Wehrpflicht und über Sicherheit diskutiert wird. Viele junge Menschen – und sicher auch deren Eltern – erfüllt das mit Sorge. Auch das gehört zur Wahrheit unserer Zeit.

Gerade deshalb ist der Chemnitzer Friedenstag mehr als ein Gedenktag. Er ist ein Auftrag.

Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist eine Haltung. Er beginnt im Alltag: in der Art, wie wir miteinander sprechen, wie wir Konflikte lösen, wie wir mit Unterschiedlichkeit umgehen. Frieden braucht Menschen, die widersprechen, wenn Hass und Gewalt salonfähig werden. Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Jeder und jede von uns kann etwas für den Frieden tun – im Großen wie im Kleinen.

Heute, am 5. März, muss von Chemnitz ein klares Signal ausgehen. Ein Signal des Erinnerns. Ein Signal der Verantwortung. Und ein Signal der Hoffnung.

Ein Signal, dass Frieden niemals selbstverständlich ist – sondern etwas, das wir schätzen, schützen und immer wieder neu verteidigen müssen.

Das sind wir den Toten des 5. März schuldig. Aber auch den Lebenden und den kommenden Generationen.

Vielen Dank.