Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2026

Foto: Uwe Meinhold

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Sächsischen Landtages,
sehr geehrte Mitglieder des Chemnitzer Stadtrates, 
sehr geehrter Herr Dr. Langenfeld,
sehr geehrte Chemnitzerinnen und Chemnitzer,
liebe Gäste,
liebe Schülerinnen und Schüler,

es ist der 27. Januar 1945. Ein bitterkalter Wintertag. Schnee knirscht unter den Stiefeln der Soldaten der Roten Armee. Vor ihnen erhebt sich eine riesige Anlage: Stacheldrahtzäune, Wachtürme, Schienen, die auf ein großes gemauertes Tor zulaufen. Dahinter – ein scheinbar endloses Meer aus Baracken. Holz an Holz. Reihe um Reihe. Rauch hängt in der Luft. Aus einigen Gebäuden schlagen noch Flammen.

Zunächst wirkt dieser Ort verlassen. Still. Tot.
Doch dann hören die Soldaten Stimmen. Einzelne Rufe. Ein Stöhnen.
Als sie das Tor öffnen, kommen Menschen auf sie zu – ausgemergelt, entkräftet, viele krank, viele dem Tod näher als dem Leben. Manche stürzen auf ihre Befreier zu, küssen ihre Wangen. Andere sinken auf die Knie und küssen die Stiefel der Soldaten. Nicht jeder von ihnen hat noch die Kraft. 

All das wissen wir aus Augenzeugenberichten.

Auschwitz ist befreit.

Dieser Ort ist zum Symbol geworden.
Zum Synonym für den Holocaust.
Zum Inbegriff des industriellen Massenmordes.
Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden hier ermordet – überwiegend Jüdinnen und Juden, aber auch Sinti und Roma, politische Gegner, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen.

Heute, 81 Jahre später, stehen wir hier in Chemnitz.
Wir erinnern an die Opfer.
Und stellen uns eine Frage, die mit jedem Jahr dringlicher wird:
Was hat das mit uns zu tun – heute, im Jahr 2026?

Der Nationalsozialismus ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen.
Er begann nicht mit Deportationen und Gaskammern.
Er begann in den Köpfen der Menschen.
Er begann mit Worten.
Mit Spott.
Mit Ausgrenzung.
Mit dem schleichenden Sterben von Mitgefühl und Verantwortung.

Faschismus beginnt dort,
wo Menschen anderen Menschen absprechen, die gleiche Würde zu haben.
Wo die Welt wieder eingeteilt wird in „wir“ und „die“.
In wertvoll und wertlos.
In stark und schwach.


[Anrede],

wenn Sie sich fragen, wie so etwas möglich war, dann lautet die ehrliche Antwort: Weil viele Menschen weggesehen haben.
Weil viele dachten: So schlimm wird es schon nicht werden.
Doch wir wissen heute:
Faschismus endet immer in Unmenschlichkeit.
Und er endet immer in Vernichtung – wenn man ihn gewähren lässt.

Er entsteht oft in Zeiten der Unsicherheit.
Wenn die Menschen Angst um ihre Zukunft haben.
Wenn politische Prozesse kompliziert erscheinen.
Wenn das Gefühl wächst, nicht gehört zu werden.

Dann verspricht er einfache Antworten.
Eine scheinbare Ordnung.
Eine Rückkehr zu den guten alten Zeiten. 
Und er bietet Schuldige an: Minderheiten, Zugewanderte, Jüdinnen und Juden.

So muss der Einzelne sich nicht mehr mit den wirklichen Problemen auseinandersetzen.
Nicht mit sozialer Ungleichheit.
Nicht mit unzureichenden Investitionen.
Nicht mit der eigenen Verantwortung.

Auch heute erleben wir Entwicklungen, die müssen uns wachsam werden lassen.

Studien zeigen:

Rechtsextreme Einstellungen rücken schleichend in die gesellschaftliche Mitte.

Antisemitismus nimmt zu – gerade unter jungen Menschen.

Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen erreicht neue Höchststände.

Und immer weniger Menschen lehnen extremistische Ideologien klar ab.

Das ist kein fernes Kapitel in einem Geschichtsbuch.
Das ist unsere Gegenwart.

Und genau deshalb ist dieser Tag mehr als ein Gedenkritual.
Er ist ein Auftrag.

Erinnerung bedeutet nicht, die leidenden Figuren in schwarz-weißen Fotografien nur als Opfer zu sehen.
Es waren Menschen.
In denen Mut steckte.
Widerstandskraft.
Solidarität.

Viele überlebten, weil sie füreinander da waren.
Weil sie teilten, was sie hatten – auch wenn es wenig war.
Weil sie ihre Menschlichkeit nicht verloren haben – selbst dort, wo man sie ihnen gewaltsam rauben wollte.

Diese Stärke dürfen wir nicht vergessen.

Gedenken wird lebendig,
wenn wir es mit unserem Alltag verbinden.

Wenn wir uns fragen:

Wo stehe ich für andere ein? Hier und Heute. 
Wo widerspreche ich, wenn Menschen herabgewürdigt werden? Hier und Heute.
Wo lebe ich Solidarität – ganz konkret? Hier und Heute.

Es ist nie zu spät, sich gefährlichen Entwicklungen entgegen zu treten.
Und die größte Kraft dafür liegt nicht allein bei Politik oder Institutionen.
Sie liegt bei der Zivilgesellschaft.
Bei uns allen.

Was kann jede und jeder Einzelne tun?

Nicht jede empörende Nachricht ungeprüft weiterverbreiten, denn Panikmache sind Werkzeuge extremistischer Ideologien.
Sich vernetzen, statt sich zurückzuziehen.
Und: die Schönheit in der Welt mehren.
Denn wo Menschen freundlich zueinander sind, wo Kunst entsteht, wo Mitgefühl gelebt wird, dort verliert der Faschismus seinen Nährboden.


[Anrede], 

dass wir heute gemeinsam hier stehen – Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Überzeugungen – ist ein Zeichen der Hoffnung.

Und es ist ein europäisches Zeichen.
Die Anwesenheit des Honorarkonsuls der Republik Frankreich erinnert uns daran:

Aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs ist eine Freundschaft gewachsen, die einst undenkbar war.
Deutschland und Frankreich – ehemals Erzfeinde – stehen heute gemeinsam für Frieden, Demokratie und Menschenrechte.

Das zeigt:
Geschichte ist nicht unabänderlich.
Sie ist gestaltbar, denn wir sind es, die sie schreiben.

Auschwitz mahnt uns nicht nur aus der Vergangenheit heraus.
Es spricht in unsere Gegenwart hinein.
Und es stellt uns eine Frage:
Was für Menschen wollen wir sein?

Lasst uns diese Erinnerung lebendig halten.
Nicht aus Schuld, sondern aus Verantwortung.
Nicht aus Angst, sondern aus Menschlichkeit.

Damit „Nie wieder“ kein leeres Versprechen bleibt.

Sondern eine Haltung.

Ich danke Ihnen.


Ich bedanke mich bei allen, die heute hier sind. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben – für das Erinnern, für das Innehalten, für das gemeinsame Nachdenken. Gerade in einer Zeit, in der vieles laut, schnell und oft auch oberflächlich ist, ist das ein starkes Zeichen.

Die Erinnerung an die Opfer von Auschwitz und des Nationalsozialismus endet nicht mit einer Rede. Wenn wir jetzt auseinandergehen mit mehr Aufmerksamkeit füreinander, mit mehr Bereitschaft zum Widerspruch gegen Ausgrenzung und mit mehr Mut zur Solidarität, dann hat dieses Gedenken seinen Sinn erfüllt.

Im Anschluss an diese Veranstaltung findet im Metropol die Filmvorführung „Justin Sonder“ statt. Die Vorstellung ist ausgebucht; alle vorab angemeldeten Schulen und Schülerinnen und Schüler werden selbstverständlich berücksichtigt. Auch wenn heute nicht alle teilnehmen können, möchte ich diesen Film ausdrücklich empfehlen – er ist sehenswert und regt zum Weiterdenken an.

Für alle, die den Film noch sehen möchten, gibt es eine weitere Gelegenheit: am Friedenstag, dem 5. März 2026, um 16:30 Uhr im Stadtverordnetensaal des Rathauses.

Lassen Sie uns diese Erinnerung mitnehmen. Nicht als Last, sondern als Verantwortung. Nicht als Abschluss, sondern als Auftrag.

Vielen Dank.

(Es gilt das gesprochene Wort)