Reinigendes Wasser

Fotoausstellung »Ganz rein!« zeigt im Schloßbergmuseum Jüdische Ritualbäder.
Die historische Mikwe in Erfurt ist ein Ort ritueller Reinigung, an dem Wasser, Licht und Architektur seit Jahrhunderten eine besondere spiriturelle Atmosphäre schaffen. Das Foto ist 2011 entstanden. Foto: Peter Seidel

Bis zum 7. Juni präsentieren die Kunstsammlungen Chemnitz Fotografien von Peter Seidel, der sich seit mehr als drei Jahrzehnten künstlerisch mit historischen Mikwen auseinandersetzt.

Die Fotografien führen an verborgene Orte jüdischer Ritualpraxis und verbinden architektonische Dokumentation mit einer einfühlsamen Bildsprache, die das Zusammenspiel von Raum, Licht und Wasser eindrucksvoll darstellt. Sie geben Zugang zu Räumen, die über Jahrhunderte zentrale Orte jüdischen Glaubenslebens waren und bis heute eine besondere Faszination ausüben. Peter Seidel widmet sich den meist unterirdisch gelegenen Anlagen mit einem präzisen Blick für ihre bauliche Struktur und ihre besondere Atmosphäre. Die Auswahl großformatiger, hinterleuchteter Farbaufnahmen sind in Deutschland, Italien, Spanien, Österreich und Frankreich entstanden.

Im Jahr 2022 wurden bei Ausgrabungen in der Chemnitzer Johannisvorstadt die Reste einer historischen Mikwe entdeckt. Dieser für Sachsen bislang einzigartige Fund hat eine Bauform erneut ins öffentliche Bewusstsein gerückt, die fest im religiösen Leben jüdischer Gemeinden verankert ist. Eine Mikwe ist eine rituelle Badeanlage, die nach klar definierten religiösen Vorschriften errichtet wird. Sie dient nicht der körperlichen Hygiene, sondern der spirituellen Reinigung. Grundlage sind die Überlieferungen in Tora und Talmud. Das vollständige Untertauchen in sogenanntem lebendigen Wasser hebt nach orthodoxer jüdischer Auffassung den Zustand kultischer Unreinheit auf und ermöglicht die Rückkehr in das religiöse Gemeindeleben. Seit der Spätantike entstanden mit der Gründung jüdischer Gemeinden auch in Europa Mikwen. Bedeutende Beispiele aus dem Mittelalter haben sich unter anderem in Speyer, Worms und Friedberg erhalten. Moderne Mikwen erscheinen dagegen häufig in funktionaler, zeitgenössischer Gestalt.

Die Ausstellung Ganz rein! ist Teil des Programms von Tacheles – Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen. Sie wird von einem Vortrag, einer Museumsrallye und einer Kuratorenführung begleitet.