Interview mit Juri Andruchowytsch
"Widerstand ist menschlich"
... ist sich der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch sicher. Der Träger des Internationalen Stefan-Heym-Preises der Stadt Chemnitz 2026 war selbst Teil der Euromaidan-Proteste und hat neben zahlreichen Gedichten und Romanen auch politische und gesellschaftskritische Essays veröffentlicht. Im Interview erzählt er, wie das Schreiben auch in Kriegszeiten möglich ist, worum es in seinem neuen Werk geht und wie er trotz des Krieges in seinem Land Hoffnung bewahrt.
Sie sind nicht zum ersten Mal in Chemnitz, Sie haben im Kulturhauptstadtjahr die “Leselust” eröffnet. Wie ist Ihr Eindruck von Chemnitz?
Juri Andruchowytsch: Leider hatte ich vor einem Jahr eine technisch ziemlich komplizierte Aufgabe: Es ging um eine musikalisch-literarische Performance, eine Art Konzert. Ich war hier mit meinen Freunden der Band Karbido und die sind alle Perfektionisten. Sie müssen alles unglaublich fleißig vorbereiten. Und das bedeutete, dass ich praktisch keine Zeit für die Stadt hatte. Wenn ich allein bin, dann habe ich mehr Zeit, also erlebe ich jetzt meine ersten Berührungen mit dieser Stadt.
Der Internationale Stefan-Heym-Preis ist nicht der erste Preis, der Ihnen in Deutschland verliehen wird. Ist er trotzdem etwas Besonderes für Sie?
Ja, natürlich. Jeder Preis bedeutet etwas Besonderes, weil fast alle Preise, die ich in Deutschland bekommen habe, mit einer bestimmten Persönlichkeit verbunden sind, auch der Stefan-Heym-Preis. Das ist für mich immer eine wunderbare Möglichkeit, tiefer in meine Bekanntschaft mit dieser Persönlichkeit zu treten. Und ich schätze das sehr hoch.
Was haben Sie mit Stefan Heym gemeinsam?
Ich denke, seine Besonderheit ist mit dem Wort “Einmischung” verbunden. Ich muss ehrlich sagen, früher habe ich dieses Wort nie in solch einem Kontext gehört. Also ich glaube, das ist Stefan Heyms Erfindung – dieses Wort, das meiner Meinung nach eigentlich negativ ist, in etwas Positives zu übertragen. Das würde ich mit ganzer Bescheidenheit sagen, dass ich mich auch einigermaßen einmische.
Trotz des Krieges arbeiten Sie an einem neuen Werk. Ist das richtig?
Das ist teilweise nicht richtig, weil ich dieses Werk beendet habe. Am 22. Februar habe ich den letzten Satz geschrieben. Das bedeutet aber nicht, dass dieser künftige Roman schon fertig ist, eigentlich ist er noch im Prozess. Ich kehre zu dem Text ab und zu zurück und es gibt natürlich noch kleine Details, die ich ändere. Manchmal kommt eine etwas größere Veränderung einer Szene. In Gedanken bin ich die ganze Zeit noch mit diesem Text beschäftigt und ich hoffe, dass ich mein Manuskript in ein paar Monaten, sagen wir Mitte des Sommers, fertig habe.
Wollen Sie zum Inhalt schon mehr verraten?
Mein Protagonist ist ein Junge im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren und er lebt in einer Welt, die einem vielleicht sehr osteuropäisch vorkommt. Da gibt es ein geographisches Detail: Er kann in seiner Stadt irgendwo in der Ferne die Berge erkennen und diese Berge sind die Karpaten. Das bedeutet er ist in Osteuropa, Mittelosteuropa. Natürlich. Das ist nicht unbedingt die Ukraine. Aber die Zeit ist die gleiche Zeit, in der ich selbst so alt war wie er. Es geht um die frühen 70er Jahren, im Umfeld einer Diktatur. Da gibt es einen Partisanenkrieg und der Junge wartet auf seinen Vater. Es gibt ein Familiengeheimnis. Weder seine Mutter noch seine Oma erzählen ihm, um was es geht. Warum ist der Vater nicht zu Hause? Aber der Hintergrund ist ein starker Totalitarismus, eine absolut unverständliche Welt, absurde Welt. Und der Protagonist muss sich irgendwie finden.
Es ist eine Sammlung von Geschichten, kein regulärer Roman. Es gibt Lücken im Sujet, die ich bewusst gelassen habe. Und jetzt sehe ich, dass die Leserinnen für sich selbstständig die Brücken bauen können zwischen diesen Teilen und das alles als einen Roman wahrnehmen.
Wie ist es Ihnen möglich, in Kriegszeiten trotzdem zu schreiben?
Wenn ich diese Frage beantworte, denke ich immer an die ukrainischen Landwirte, die irgendwo in der Nähe der Frontlinie, zehn oder 15 Kilometer entfernt, trotzdem ihre Arbeit machen, mit einem Traktor oder Mähdrescher im Sommer. Und in ihren Maschinen haben Sie spezielle Geräte, die zeigen, wo die feindlichen Drohnen sind. Sie machen ununterbrochen ihre Arbeit.
Ich denke, dass der Schriftsteller auch seine Arbeit machen muss, umso mehr, weil ich in einer Stadt lebe, die ziemlich weit von der Frontlinie entfernt ist. Ich habe mehr Ruhe als viele meiner Kollegen, die in östlicheren oder südlicheren Städten wohnen. Wenn ich mit einer Lesung nach Charkiw komme oder nach Odessa – wie vor paar Wochen – dann kann ich die zahlreichen Luftalarme dort erleben. Ich kann das spüren, wie das Leben in eben dieser Region ist. Wie oft der Aggressor diese Gegenden, diese Städte attackiert. Und ich bin dann umso dankbarer, dass ich in meiner Stadt, in unserer Region mehr Ruhe habe, um ruhig zu denken und zu schreiben.
Hat sich für Sie oder für Ihre Kolleginnen und Kollegen der Schreibprozess im Krieg verändert?
Es gibt ziemlich viele junge Kollegen, die jetzt in der Armee sind. Nicht unbedingt an der Front, aber sie sind trotzdem Soldaten. Ziemlich viele machen die Pressearbeit für ihre Militäreinheiten. Es gibt auch solche, die für einige Zeit ihre schriftstellerische Tätigkeit völlig gestoppt haben und jetzt eher als Berichterstatter und als Blogger arbeiten. Sie haben die Notwendigkeit gespürt, dass diese realen alltäglichen Zeugnisse im Moment wichtiger sind als der nächste Roman. Obwohl mehr und mehr Gedichte geschrieben werden über diese absolut schreckliche und gleichzeitig so wichtige Zeit, die schon das fünfte Jahr andauert. Man sieht keine Perspektive, dass das irgendwie in diesem Jahr oder sogar im nächsten endet. Und das ist eine interessante Aufgabe für Schriftsteller, in einem Tunnel zu sein, in dem man kein Licht am Ende sieht. Ich glaube, das ist eine sehr spezifische Situation und mit dieser Herausforderung muss man sich irgendwie zurechtfinden.
Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?
Ich habe sie angenommen. Ich habe die Tatsache akzeptiert, dass die Lebensjahre, die mir noch bleiben, ganz in diesem Krieg vergehen könnten. Dass ich in meinem Leben kein Kriegsende erleben werde.
Wirklich?
Das ist ja möglich. Die Hauptsache war, das anzunehmen. Und ich glaube, dass wir als Gesellschaft jetzt in der Phase sind, wo wir das sehr intensiv lernen – gleichzeitig im Krieg zu sein und ein normales Leben zu leben. Diese Dualität oder ein hybrides Befinden, das es wahrscheinlich in der historischen Erfahrung keiner Nation gibt. Das ist ein absolut neuer Krieg, der postmoderne Krieg, kann man sagen.
Wie haben Sie es geschafft, das anzunehmen?
Na ja, ich denke, man muss alles realistisch sehen. So ist die Natur dieser Aggression. Sie ist kompromisslos. Das waren die Pläne am Anfang der Aggression, also schon 2014, dass wir als ein Land, als eine Kultur, als Sprache, als alles, was essenziell wichtig ist – dass das alles vernichtet wird und wir sollen einfach kapitulieren. Das war die Idee. Und heute, wo wir im fünften Jahr dieser Geschichte sind, haben sich diese Pläne nicht geändert. Der Okkupant ist so hartnäckig. Er rechnet sich nicht aus, wie viele menschliche Opfer er hat, die einzige Möglichkeit ist, dass der Okkupant wirtschaftlich absolut ruiniert wird. Dann können wir das Ende des Krieges sehen. Aber dieser Ruin kann noch lange Zeit nicht passieren. Und es ist wichtig, das klar zu sehen, sich für die Realität zu entscheiden.
Sie haben erwähnt, von Ihrer Heimatstadt Iwano-Frankiwsk ist die Frontlinie weit entfernt. Wie ist insgesamt die Lage in Ihrer Heimatstadt?
Wenn wir über die Kriegsumstände sprechen und die ersten Opfer, dann hat meine Stadt Glück. Es sind bisher in meiner Stadt zwei Menschen gestorben, die erst im März dieses Jahres gefallen sind, im fünften Jahr der Invasion. Es waren ein Vater und seine Tochter, die gleichzeitig bei einer Drohnenattacke getötet wurden. Die Tragödie ist noch tiefer, weil sie zu einem Besuch ins Krankenhaus gingen, wo die Mutter gerade die kleinste Tochter geboren hat. Das sollte ein glücklicher Besuch werden. Das ist die schrecklichste, tiefste Tragödie, die in unserer Stadt passiert ist. Wir haben viele weitere Verluste, aber das sind unsere Stadtbewohner, die in der Armee gefallen sind, an der Front. Im Stadtzentrum gibt es eine Allee mit großen Porträts von jenen, die nie wieder lebendig in ihre Stadt zurückkommen.
Sie haben 2022 in Kaunas – also auch einer europäischen Kulturhauptstadt – in einem Vortrag gesagt, dass es für Sie nicht in Frage kommt, die Ukraine zu verlassen, zu emigrieren. Ist das heute immer noch so?
Ja, natürlich. Ich sehe keinen Grund dazu. Wenn meine Heimatstadt zum Beispiel Charkiw wäre, also eine Stadt, die ständig bedroht ist, denke ich, dass ich auch dort bleiben würde. Aber darüber bin ich mir nicht sicher. Dann könnte ich auch weiter nach Westen innerhalb der Ukraine migrieren. Aber ich sehe keine Motivation, ins Ausland zu gehen. Zuhause verstehe ich die Leute am besten, kann am besten meine eigenen Geschichten erzählen und werde am besten verstanden. Und ich möchte das nicht ändern.
In demselben Vortrag haben Sie auch ein Gespräch mit einem Freund beschrieben und sich darüber unterhalten, was Sie machen würden, wenn Russland angreift. Und dass Ihr Freund die Vermutung hatte, dass auch Sie beide auf der schwarzen Liste stehen. Haben Sie davor Angst?
Oh, die Zeiten sind vorbei, in denen ich Angst hatte. Was bedeutet auch Angst? In meinen Romanen sind meistens die Protagonisten diejenigen, die verfolgt werden. Also ich schaffe für meine Protagonisten solche Probleme. Das hat mir sehr viel positive Energie gebracht. Ich bin sicher, dass Widerstand etwas ist, was der Mensch leisten soll. Widerstand ist menschlich.
Sie haben es schon angesprochen: Dass Russland die Ukraine ja auch bezogen auf die Sprache, auf die Natur auslöschen will. Wie schaffen es die Ukrainerinnen und Ukrainer, daran nicht zu verzweifeln?
Nicht alle schaffen das. Es gibt so viele Leute, die wirklich verzweifelt sind. Aber trotzdem: Wir sehen, wie unfähig Russland ist, das zu verwirklichen. Sie wollen uns vernichten, aber sie lernen nichts über uns. Sie denken die ganze Zeit, wir sind so wie die Russen. Sie verstehen die ganz andere Psychologie der Ukrainer nicht. Die Perspektive für den Aggressor ist eigentlich sehr negativ. Für uns auch leider. Aber sein Erfolg ist total unmöglich.
Angesichts des Krieges in der Ukraine lassen Ihre Texte trotz all der Grausamkeiten, die Sie beschreiben, die Leserinnen und Leser nicht mit dem Gefühl der Ohnmacht zurück. Wie schaffen Sie das?
Es ist schwierig, das mit Worten zu beschreiben. Aber es geht natürlich um eine eigene Hartnäckigkeit. Das bedeutet, ich und wir alle, wir müssen so sein. Das funktioniert eher gesellschaftlich als eine menschliche Gemeinde: Sehen wir einander und schicken einander solche Solidaritätssignale. Jedes Mitglied in dieser Gemeinde kann etwas Eigenes tun und kann ein Beispiel für die anderen sein. Das ist eine wichtige Besonderheit der Ukrainerinnen, dass wir als Gesellschaft alle eher horizontal strukturiert sind, also keine Macht hat bei uns irgendeine hohe Autorität. Wir sind von Natur aus eher anarchistisch und wir schätzen die nächsten sehr hoch. Und in solchen Situationen sind diese Strukturen sehr wirksam.
Putin hat ja schon früher gedroht, dass er dasselbe wie mit der Ukraine auch mit anderen Ländern ähnlich vorhat. Fehlte vor dem Überfall Russlands den Politikern der Blick auf das große Ganze? Es wurde ja vorher immer nur von einer Ukrainekrise gesprochen.
»Ukrainekrise« ist der absolut falsche Begriff. Das ist Russlands Krise, das ist die Krise von einer Großmacht, die nicht mehr diese Großmacht ist und die das für sich als ein existenzielles Projekt erfunden hat, dass sie wieder eine Großmacht wird. Und wir sind sozusagen die erste Phase von dieser Rückkehr zu einer Großmacht.
Aber das war, glaube ich, ein Fehler, als erstes die Ukraine auszuwählen. Wir zeigten uns als ein starker Gegner. Niemand weiß, was die weiteren Ziele sind. Man kann vermuten, dass die baltischen Länder wahrscheinlich das nächste Ziel sind. Es muss auch nicht unbedingt so sein, dass die Ukraine zuerst vernichtet sein muss. Das kann alles gleichzeitig passieren. Dass die Russen bei uns in der Ukraine irgendwo dort stecken werden, wo sie heute sind, aber gleichzeitig auch gegen Estland oder Lettland etwas anfangen. Niemand kann das ausschließen.
Sie haben lange vor dem Kriegsbeginn davor gewarnt, dass es dazu kommen wird. Das liest sich aus heutiger Sicht schon fast prophetisch. Wie ist Ihr Blick auf die Zukunft? Sie haben ja schon gesagt, dass Sie wahrscheinlich keine Friedenszeit mehr erleben werden.
Ich möchte das gerne noch in meiner Zeit erleben und nicht aus dem Jenseits. Sehen, wie es zu diesem Frieden kommt. Ein Prophet bin ich nicht. Ich habe nur eine normale schriftstellerische Fähigkeit, Geschichten zu bauen. Die Vorstellungskraft sagt mir, dass es eigentlich um etwas Globales geht. Es geht nicht nur um einen lokalen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Es geht um einen globalen Kampf zwischen demokratischen und liberalen Systemen und Totalitarismen, Fundamentalismen, Diktaturen.
Ich bin sicher, das Gute gewinnt. Meine Vermutung ist, dass das Böse ziemlich oft taktisch gewinnt und dann strategisch verliert. Gott ist wahrscheinlich ein Stratege, kein Taktiker.
Das ist keine Prophezeiung. Das ist ein bisschen Vorstellungskraft und ein bisschen Analysieren. Und Hoffnung natürlich.
Stefan Heym hat 1942 geschrieben: “Leben heißt: An etwas glauben”. Woran glauben Sie?
Ich glaube stark an die Niederlage des Bösen. Ich glaube, dass kein Tod ein Ende ist.
Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises 2026
Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz ist am Samstag, dem 18. April 2026, an den ukrainischen Schriftsteller, Essayisten und Übersetzer Juri Andruchowytsch verliehen worden. Der Preisträger nahm die Auszeichnung in der Eventlocation dieFabrik Chemnitz persönlich von Oberbürgermeister Sven Schulze entgegen.
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