Rede zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises am 18. April 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Andruchowytsch,
liebe Gäste,
ich begrüße Sie herzlich zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises der Stadt Chemnitz. Es ist mir eine große Freude, Sie heute hier willkommen zu heißen — zu einem Anlass, der mehr ist als eine Preisverleihung. Es ist ein Abend der Literatur. Doch ebenso ist es ein Abend der Verantwortung und des Engagements — sowie der europäischen Verständigung.
Und genau dafür steht der Name dieses Preises.
Für Stefan Heym war Schreiben nie Rückzug.
Schreiben war Teilnahme.
Schreiben war Widerstand.
Schreiben war Öffentlichkeit.
Deshalb ist auch dieser Preis weit mehr als eine literarische Auszeichnung. Er ehrt Autorinnen und Autoren, die Literatur nicht als Rückzug aus der Wirklichkeit begreifen, sondern als bewusste Form der Einmischung in die Wirklichkeit. Und ich sage dieses Wort ganz bewusst schon an dieser Stelle — denn es wird uns heute Abend noch häufiger begegnen. Weil es ein Wort ist, das sehr viel von dem beschreibt, wofür Stefan Heym stand: Position beziehen, nicht schweigen, aufbegehren, wenn es darauf ankommt.
Genau davon handelt auch jenes Zitat Stefan Heyms, das hier zu lesen ist: „Man muss, wenn die Zeit kommt, doch seinen Kopf herausstecken, um etwas von Wichtigkeit zu sagen.“
Das ist kein Satz, der nur Schriftstellerinnen und Schriftstellern gilt. Das ist ein Satz, der uns alle angeht. Und ja — auch uns in der Politik. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen nicht nur vom Rand zuschauen, sondern sich einbringen, Position beziehen und bereit sind, sich einzumischen und einzubringen.
[Anrede],
dass Stefan Heym bis heute aktuell ist, ist keine bloße literaturwissenschaftliche Feststellung. Es ist eine politische.
Schon die frühesten Strophen Heyms — damals noch unter seinem Geburtsnamen Helmut Flieg veröffentlicht — waren ein Warnruf. Bereits 1930 schrieb der junge Heym Verse gegen Krieg, gegen Militarismus, gegen das Verstummen der Vernunft. Diese frühen Texte wirken heute erschreckend gegenwärtig. Und vielleicht ist genau das der Punkt:
Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen. Schon in den 50er-Jahren mahnte uns Stefan Heym in seinem Roman, die Freiheit nicht als etwas Selbstverständliches zu betrachten. Es war ihm ein Anliegen, sie ständig sie zu bewachen und zu verteidigen.
Denn:
Freiheit ist nicht selbstverständlich.
Frieden ist nicht selbstverständlich.
Europa ist nicht selbstverständlich.
Demokratie ist nicht selbstverständlich.
Und deshalb ist Stefan Heym heute nicht nur lesenswert.
Sein Blick auf die Welt, seine scharfsinnigen Beobachtungen, seine mahnenden Worte sind notwendig.
Notwendig, weil Stefan Heym uns daran erinnert, dass kritisches Denken kein „Nice to have“ ist, sondern eine Bürgerpflicht. Also eine Pflicht von uns allen, von jeder und jedem einzelnen von uns.
[Anrede],
der Internationale Stefan-Heym-Preis wird durch die Stadt Chemnitz verliehen, eine Stadt, die sich 2025 neu und sichtbar in Europa positioniert hat. Im Jahr eins nach der Kulturhauptstadt Europas bleibt ganz viel Europa in der Stadt. So soll es sein. Denn Kulturhauptstadt Europas, das war nie nur ein Etikett für ein Kalenderjahr. Es war und ist eine Haltung.
Eine Haltung, die sagt:
Wir wollen offen sein.
Wir wollen streitbar sein.
Wir wollen neugierig sein.
Wir wollen den Austausch.
Und wir wollen unsere Geschichte auch im größeren europäischen Zusammenhang verstehen.
In einer Stadt wie Chemnitz, die selbst Brüche, Umbrüche, politische Zuschreibungen und Neuverortungen erlebt hat, ist das besonders wichtig.
Stefan Heym selbst hat sich zeitlebens zu seiner Herkunft bekannt.
Er war ein Weltbürger — und blieb doch immer auch ein Sohn dieser Stadt.
Bekannt ist sein Satz: „Ich bin aus Karl-Marx-Stadt und darauf bin ich stolz.“
Fast könnte man sagen: Auch darin war er seiner Zeit voraus.
Denn Heimat ist ja nicht nur Nostalgie.
Heimat ist auch Widerspruch.
Heimat ist Reibung.
Heimat ist der Ort, an dem und mit dem man sich auseinandersetzt, weil einem etwas nicht egal ist.
Wenn heute eine Chemnitzer Band singt:
„Ich komme aus Karl-Marx-Stadt …“, dann ist das ebenfalls eine Hommage an Herkunft, eine Einladung zur Auseinandersetzung mit den Wurzeln und ein klares Bewusstsein darüber, dass Identität nie eindimensional ist.
Vielleicht hätte Stefan Heym daran sogar seine Freude gehabt.
[Anrede],
das Kuratorium hat in diesem Jahr eine Wahl getroffen, die aktueller kaum sein kann.
Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz ehrt 2026 den ukrainischen Schriftsteller, Dichter, Essayisten und Übersetzer Juri Andruchowytsch.
Das Kuratorium hebt ihn als eine der wichtigsten literarischen und intellektuellen Stimmen der Ukraine hervor. Gewürdigt werden insbesondere die gesellschaftskritische Kraft seines Werkes, sein Humor als Mittel gegen Diktatur und seine Rolle in öffentlichen Debatten.
Mit literarischer Kraft und moralischer Klarheit verteidigt er unermüdlich die europäischen Werte: Freiheit, Würde und kulturelle Vielfalt. Seine Essays und Romane sind weit mehr als unterhaltsame Lektüre – sie sind Brücken zwischen Ost und West, zwischen Geschichte und Gegenwart. In Zeiten der Spaltung erinnert er daran, dass Europa nicht nur ein Ort, sondern eine gemeinsame Idee ist.
Mit Juri Andruchowytsch wird heute nicht nur ein großer europäischer Autor geehrt. Es wird ein Schriftsteller ausgezeichnet, der sich nicht mit der Rolle des bloßen Beobachters begnügt – genau wie Stefan Heym.
Er ist eine Stimme seines Landes.
Eine Stimme Europas.
Sowohl Heym als auch Andruchowytsch begreifen Literatur als gesellschaftliche Einmischung. Ich weiß, dass Sie Herr Andruchowytsch dieses Wort — Einmischung — besonders schätzen. Und ich finde: Es ist ein wunderbares Wort.
Einmischen heißt, neue Komponenten in den – erlauben Sie mir die Formulierung – „Einheitsbrei“ zu bringen. Frische Gedanken, neue Ideen, andere Wege – all das macht die Würze, bringt uns auf den Geschmack, rüttelt uns wach und zeigt uns zu weil ungeahnte Perspektiven.
Denn Einmischung ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit.
Einmischung heißt: nicht am Rand stehen.
Nicht sagen: „Das geht mich nichts an.“
Nicht warten, bis andere Verantwortung übernehmen.
Dass heute ein ukrainischer Schriftsteller diesen Preis erhält, ist nicht nur literarisch folgerichtig.
Es ist auch ein Zeichen.
Denn die Fragen, die uns als Europäerinnen und Europäer beschäftigen, sind nicht kleiner geworden. Sondern größer.
Der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, ist nicht nur ein Angriff auf ein Land. Er ist ein Angriff auf Freiheit, auf Selbstbestimmung, auf das europäische Friedensversprechen.
Und deshalb ist für uns die Ukraine nicht „irgendwo dort draußen“.
Sie betrifft uns hier.
In Chemnitz.
In Sachsen.
In Deutschland.
In Europa.
[Anrede],
dass diese Preisverleihung zugleich in Verbindung mit der Eröffnung der Tage der jüdischen Kultur steht, verleiht diesem Abend eine zusätzliche Tiefe.
Denn damit wird auch eine wichtige Spur im Leben Stefan Heyms sichtbar: seine jüdische Herkunft und seine Erfahrung von Ausgrenzung, Verfolgung und Exil. Dies ist ein Teil seiner Biografie, der nicht nur historisch ist, sondern bis heute gesellschaftlich relevant bleibt.
[Anrede],
Stefan Heym hat sein Leben lang Haltung gezeigt.
Er hat sich eingemischt.
Er hat den Mächtigen widersprochen.
Und ja — er hatte auch Freude daran, sie vorzuführen.
Vielleicht ist genau das die richtige Erinnerung an ihn.
In diesem Sinne danke ich allen, die diesen Preis möglich machen.
Dem Kuratorium.
Den Partnerinnen und Partnern aus Kultur und Stadtgesellschaft.
Und allen, die dazu beitragen, dass Chemnitz ein Ort bleibt, an dem Literatur, Debatte und Verantwortung zusammengehören.
Sehr geehrter Herr Andruchowytsch,
herzlich willkommen in Chemnitz.
Ihre Worte, Herr Andruchowytsch, laden zum Dialog ein, widersprechen der Gleichgültigkeit und stärken unsere Hoffnung auf ein gemeinsames, friedliches Miteinander.
Herzlichen Glückwunsch zum Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz im Jahr 2026.
Vielen Dank.
(Es gilt das gesprochene Wort.)