Stolpersteine in Chemnitz

Ilse Ruth und Eva Irene Lachmann

Zwei Stolpersteine für Familie Lachmann. Auf den Steinen steht: Hier wohnte Ilse Ruth Lachmann, verh. Eddolls, Jg. 1913, Flucht, Italien 1938, England  |  Hier wohnte Eva Irene Lachmann, verh. Feuchtwanger, Jg. 1917, Flucht 1938, England

Ilse Ruth Lachmann
Geboren: 31. Juli 1913
Gestorben: 4. Februar 1998

 

Eva Irene Lachmann
Geboren: 25. Januar 1917
Gestorben: 25. Mai 2005

Verlegeort:

Brückenstraße 6

 

 

Stolperstein-Verlegung am:

6. Mai 2026

 

Lebensweg

Michael Lachmann, der Sohn von Ilse Ruth Lachmann, besuchte 2022 gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Agricola-Gymnasiums die Stolpersteine, die für seine Großeltern in der Brückenstraße verlegt wurden. Foto: Anne Gottschalk

Am 2. November 2012 wurden in Gedenken an Dr. Alfred Lachmann, seine Ehefrau Helene und seinen Sohn Werner drei Stolpersteine an der Stelle verlegt, wo sich einst das mehrgeschossige Geschäfts- und Wohnhaus befand, in dem die Familie über 20 Jahre wohnte. Für die Töchter Ilse und Eva wurden damals keine Stolpersteine verlegt.

Was ist über den Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten und seine Töchter bekannt? Dr. Alfred Lachmann hatte sich am 19. Februar 1912 mit der um acht Jahre jüngeren Helene Louise Frank, die aus einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie in Chemnitz stammte, vermählt. Dieser Schritt veranlasste den Arzt, sich einige Monate später in eigener Praxis in der Stadt niederzulassen. Bis 1924 wurden den Eheleuten zwei Töchter und ein Sohn geboren: Ilse Ruth, Eva Irene und Werner Konrad. 

Die Errichtung der NS-Herrschaft bedeutete auch für den jüdischen Arzt und seine Familie Entrechtung und Verfolgung. Bereits im April 1933 stand seine Praxis auf der im „Chemnitzer Tageblatt“ veröffentlichten Boykottliste. Als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer konnte er aber als Kassenarzt auch über 1933/34 hinaus tätig sein. Während des Novemberpogroms 1938 wurde Lachmann verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Wiederum als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer wurde er jedoch nach etwa zwei Wochen entlassen, wohl mit der Auflage, so schnell wie möglich das Land zu verlassen.

Den Töchtern war schon frühzeitig die Auswanderung geglückt. Einzelheiten sind nicht überliefert. Bekannt ist, dass Ilse zunächst in einem Kloster in Turin (Italien) Zuflucht fand. Im Jahr 1938 konnte sie als Hausangestellte ihren Wohnsitz nach England verlegen. In der Gemeinde East Barnet (Grafschaft Hertfordshire) hatte sie eine Anstellung gefunden. 

Am 5. Juni 1942 schenkte Ilse einem Jungen das Leben. Da sie für die britischen Zivilbehörden tätig war, musste sie das Kind in ein Heim in Liverpool geben. In der Folgezeit verlor sie den Kontakt zu ihrem Sohn, der ins Visier der britischen Einwanderungsbehörden geriet. Den „bedürftigen“ Kindern wurde gesagt, ihre Eltern seien tot. Im Alter von fünf Jahren wurde Michael mit anderen Kindern nach Australien „versandt“. Dort wuchs er in einer katholischen Adoptivfamilie auf. 

Ilse wohnte nach Kriegsende in Newcastle. In den Jahren 1947/48 stellte sie wiederholt bei der Landesregierung Sachsen einen Antrag auf Wiedergutmachung. Ihre detaillierten Angaben erlauben im Nachhinein eine Vorstellung, wie die großbürgerliche Wohnung im 2. Obergeschoss des imposanten Hauses, das die Luftangriffe im Frühjahr 1945 nicht überstand, eingerichtet war. Sie erinnerte sich auch an eine Kiste mit ihrer Aussteuer, die u. a. „eine Ski-Ausrüstung, bestehend aus 1 Paar Skis mit Bambus-Stöcken“ enthielt.

Im Januar 1950 reiste Ilse nach Liverpool, um an Bord des Passagierschiffs „Georgic“ nach Australien auszuwandern. Sie wollte dort ihren verlorenen Sohn suchen. Ob sie während der Überfahrt den Lehrer Raymond Walter Eddolls aus Bristol kennenlernte, ist nicht überliefert. Auf alle Fälle vermählte sich Ilse im Folgejahr in Victoria mit dem um elf Jahre jüngeren Raymond. Ihre Suche blieb jedoch erfolglos. Ilse Eddolls starb am 4. Februar 1998 in Redcliffe (Queensland). Erst im Jahr 2011 erfuhr Michael, dass er unter einer falschen Identität aufwuchs.

Eva war ebenfalls im Jahr 1938 nach England ausgewandert. Nahe Verwandte erinnerten sich noch Jahre später an den roten Haarschopf und die auffällige Brille. Im Frühjahr 1945 wanderte sie nach Palästina aus, wo sie am 20. Juni 1945 eintraf. Sie änderte dort ihren Vornamen in Chava. Mit ihrem um sieben Jahre älteren Ehemann Wilhelm Shimon Feuchtwanger hatte sie zwei Kinder: Tamar und Amos. Wilhelm Feuchtwanger starb bereits im Jahr 1957. Bis in die 1960er Jahre hinein hatte Chava Kontakt zur Jüdischen Gemeinde in Karl-Marx-Stadt. Chava lebte bis zuletzt in der Stadt Ramat Gan, wo sie am 25. Mai 2005 starb. 

Michael Lachmann besuchte im Oktober 2022 die Geburtsstadt seiner Mutter und verweilte an den Stolpersteinen an der Brückenstraße.

Autor: Dr. Jürgen Nitsche

Hier liegen die Stolpersteine von Ilse Ruth und Eva Irene Lachmann:

Stolpersteine in Chemnitz

Es ist ein Projekt gegen das Vergessen: in Chemnitz werden seit 2007 jährlich Stolpersteine verlegt.

Eingelassen in den Bürgersteig, erinnern die Gedenksteine an tragische Schicksale von Mitbürgern, die während des nationalsozialistischen Regimes verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Tod getrieben wurden.

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