Stolpersteine in Chemnitz

Carl und Margarete Leder

Stolpersteine der Familie Leder. Auf den Steinen steht: Hier wohnte Carl Leder, Jg. 1888, 1934 schwer misshandelt von SA, Flucht 1939, England, Tot 8. Aug. 1944 London |  Hier wohnte Margarete Leder, geb. Platz, Jg. 1893, Flucht 1939, England

Carl Leder
Geboren: 23. August 1888
Gestorben: 8. August 1944


Margarete Leder, geb. Plaut 
Geboren: 15. Januar 1893
Gestorben: 11. Mai 1982

Verlegeort:

Agricolastraße 63 (früher 11)

 

 

Stolperstein-Verlegung am:

6. Mai 2026

 

Lebensweg

Carl Leder, der am 23. August 1888 in Berlin das Licht der Welt erblickt hatte, besaß die rumänische Staatsangehörigkeit. Seine Eltern Wilhelm Leder und Rosa Seiffert stammten aus dem südosteuropäischen Königreich und hatten aufgrund wachsender Judenverfolgung das Land verlassen. Sie bauten sich in Chemnitz eine eigene Existenz auf. Ein „Handschuhfabrikationsgeschäft“ im Reitbahnviertel nannten sie ihr Eigen. Carl Leder, ihr einziger Sohn, war zunächst als Reisender für die 1887 gegründete Strumpffabrik Siegfried Peretz in Altchemnitz tätig. 

Der Erste Weltkrieg bedeutete für Carl Leder und seinen fast 60-jährigen Onkel Leon Leder, Stephan Hermlins Großvater, Internierung im Kriegsgefangenenlager Holzminden. Grund dafür war, dass Rumänien Ende August 1916 ein Bündnis mit den Ländern der Entente eingegangen war und in den Krieg gegen die Mittelmächte eintrat. Zusammen mit Salomon Schwartz, einem weiteren Verwandten, befand er sich als rumänischer Staatsbürger seit dem 14. Februar 1917 in dem Lager. 

Carl Leder kehrte am 9. Juni 1917 unversehrt nach Chemnitz zurück und wurde Betriebsleiter innerhalb der Siegfried Peretz Offenen Handelsgesellschaft (OHG). Im Frühjahr 1919 wurde er einer von zwei Prokuristen. Zum beruflichen Neuanfang gesellte sich auch das private Glück. Am 16. November 1919 verlobte er sich in Nürnberg mit der aus Nordhausen stammenden Margarete Plaut, die von allen nur liebevoll Gretl genannt wurde. Am 23. März 1920 vermählten sie sich in Chemnitz. 

Als Ende 1921 die Siegfried Peretz OHG in eine Aktiengesellschaft überführt wurde, wurde Carl Leder neben Albert Peretz, dem Sohn des Firmengründers, in den Vorstand gewählt. Der berufliche Aufstieg erlaubte den Eheleuten nicht nur ein Leben in Wohlstand, sondern auch den Erwerb von Kunstwerken. Wenige Jahre später ließ sich der Direktor, wie er genannt wurde, von dem renommierten Chemnitzer Fotografen Joseph Rosner standesgemäß porträtieren. 

Als im März 1924 sein Vater starb, veranlasste Carl Leder die Errichtung einer imposanten Familiengrabanlage auf dem Jüdischen Friedhof im Ortsteil Altendorf. In dieser wurde im Dezember 1936 auch die Mutter „in aller Stille“ beigesetzt. 

Die Eheleute hatten eine Tochter. Lee Wilma wurde am 24. Juli 1925 geboren. Sie wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, in dem es an nichts fehlte. Eine Wirtschafterin war für den Haushalt verantwortlich, ein Kindermädchen kümmerte sich um sie. 

Die NS-Machtübernahme bedeutete für die Familie Entrechtung und Verfolgung. Bereits 1934 wurde Carl Leder von sechs SA-Männern zusammengeschlagen, was wohl auch die Ursache für eine ernsthafte Erkrankung im Februar 1935 war. 

Im Dezember 1937 wurde Carl Leder aus der Siegfried Peretz AG gedrängt, als diese wieder in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandelt wurde. Er wurde das erste Opfer der eingeleiteten „Arisierung“ des Unternehmens. Der „Direktor im Ruhestand“ erkannte, dass für ihn und seine Ehefrau kein Platz mehr im NS-Staat war. 

Carl Leder bereitete die „Auswanderung“ vor. Als Ziel gab er Ende 1938 gegenüber dem Polizeipräsidium zunächst Palästina an. Er bezahlte die obligatorische Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe. Der Zwangsverkauf des Hauses an einen Kaufmann in Chemnitz wurde im Grundbuch eingetragen. Im April 1939 wurde Carl Leder endlich die Ausreise erlaubt. Die geplante Weiterreise in die USA verzögerte sich, daher blieb er zunächst in England. Gretl Leder konnte ihrem Mann krankheitsbedingt erst vier Monate später folgen. Die Eheleute lebten zunächst in Burgess Hill (Sussex). 

Carl und Gretl Leder, die bis 1933 ein Leben in Wohlstand und Sicherheit gewöhnt waren, mussten in London ein Leben „in tiefster Armut“ führen. Ihren Lebensunterhalt verdienten sich die Eheleute, indem sie in Heimarbeit Lockenwickler herstellten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, blieb ihnen als „feindliche Ausländer“ eine Internierung zunächst erspart. Später wurde Carl Leder für einige Monate im Camp Hutchinson in Douglas (Isle of Man) interniert. Infolge der Entbehrungen starb er am 8. August 1944 in der Stadt Edmonton, nördlich von London. 

Gretl Leder zog im Juli 1947 zu ihrer Schwester Hedwig Bonn nach New York. Fünfzehn Jahre später zog sie zu ihrer Tochter Lee nach Los Angeles. Gretl Leder starb am 11. Mai 1982 in dieser Stadt und wurde im Mount Sinai Memorial Park beigesetzt.

Autor: Dr. Jürgen Nitsche

Hier liegen die Stolpersteine von Carl und Margarete Leder:

Stolpersteine in Chemnitz

Es ist ein Projekt gegen das Vergessen: in Chemnitz werden seit 2007 jährlich Stolpersteine verlegt.

Eingelassen in den Bürgersteig, erinnern die Gedenksteine an tragische Schicksale von Mitbürgern, die während des nationalsozialistischen Regimes verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Tod getrieben wurden.

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