Literaturstipendium 2026

Interview mit Judith Kuckart und Burkhard Peter

Judith Kuckart und Burkhard Peter sind die diesjährigen Literaturstipendiaten, die für sechs Monate in Chemnitz leben und arbeiten werden.

Sie teilen sich den Aufenthalt auf, werden aber auch gemeinsam in der Stadt unterwegs sein. Zur Auftaktveranstaltung am 23. April 2026 erzählen sie, was sie an Chemnitz interessiert.

Eine Frau und ein Mann stehen Schulter an Schulter vor einem Fenster und Blicken in die Kamera.
Judith Kuckart und Burkhard Peter bilden das Tandem des diesjährigen Literaturstipendiums der Stadt Chemnitz. Foto: Andreas Seidel

Herzlich willkommen in Chemnitz! Wie ist Ihr erster Eindruck?

Judith Kuckart: Kalt.


Warum?

Judith Kuckart: Wegen des Wetters, doch eigentlich mehr noch wegen der Ähnlichkeit mit jener Gegend, aus der ich komme: Rand Ruhrgebiet eben.
Auch dort wurde im Krieg unheimlich viel zerstört. Man muss sich zurechtfinden zwischen diesen, für Menschen manchmal zu hohen, kalten Häusern.

Burkhard Peter: Ich war vor zwei Jahren schon mal hier. Chemnitz ist der Geburts- und Wohnort meiner Mutter, sie hat als Kind in der Wiesenstraße gelebt und ist im März 1945 geflüchtet. Der zweite Eindruck nun war, dass Chemnitz nicht so zugänglich ist, wie ich gedacht hatte. Ich bin ja als Fotograf auf menschliche Kontakte angewiesen. Inzwischen bin ich aber drei Wochen hier und es wird besser. Ich komme beim Fotografieren schneller in Kontakt.


Ja, eine gewisse Verschlossenheit sagt man den Menschen hier durchaus nach. Macht das die literarische Arbeit aber nicht auch spannend?

Judith Kuckart: Natürlich sind verschlossene Menschen wesentlich interessanter als die, die einem am Tisch immer gleich die immergleichen Geschichten erzählen.


Sie teilen sich das Stipendium zu gleichen Teilen auf. Was haben Sie vor?

Judith Kuckart: Wir hatten am Tag nach der Auftaktveranstaltung in der Neuen Sächsischen Galerie einen Termin in der Agricola-Schule. Mit einer derzeit achten Klasse und tatkräftiger Unterstützung der Lehrerin machen wir ein Schreib- und Fotoprojekt. Burkhard wird mit den Schülerinnen und Schülern Stadtbilder fotografieren und ich
habe spontan gesagt, dass – soll ich es spoilern? – in dieser Stadt jemand verschwindet. Das wäre dann der fiktive Plot. Die Schülerinnen und Schüler wollen schneller handeln als die Polizei und den verschwundenen Menschen finden. So kommt ein gemeinsamer Schreibprozess in Gang.

Burkhard Peter: Mein Ansatz ist, da ich mich sowieso mit Stadtlandschaften beschäftige, rund um das Reitbahnviertel, in dem meine Mutter aufgewachsen ist, zu fotografieren. Und so ist die Verbindung mit dem Sichtbaren und dem Nicht-Sichtbaren, mit dem Fotografieren und der Literatur.

Judith Kuckart: Und das Sichtbare und das Nicht-Sichtbare ist natürlich im Verschwinden sehr gut aufgehoben.

Burkhard Peter: Und damit das heutige Chemnitz sichtbar wird, fertige ich ergänzend Portraits im städtischen Raum an. Es geht also um die städtische Bühne und wie sie sich heute darstellt.


Das ist aber ja kein rein architektonisches Thema.

Judith Kuckart: Architektur ist nie nur ein architektonisches Thema. Architektur ist das steinerne Kleid, in dem wir Menschen leben müssen. Damit ist Achitektur ein ethisches und ein soziales Thema.

Burkhard Peter: Genau diese Umbrüche sind hier in Chemnitz so gut sichtbar. 

Judith Kuckart: Das ist das einzige, was interessant ist: Wenn sich etwas bewegt. Es gibt auch kaum uninteressantere Städte als Zürich und Rom. Schrecklich, wenn es nichts mehr zu entdecken gibt.


Schreiben Sie hier in Chemnitz an Ihrem Roman weiter?

Judith Kuckart: Nein, der bleibt liegen. Was ich hier versuche, ist eigentlich im ersten Schritt »berufsfremd«: Ich werde Fotos machen, aber nicht um der Fotos willen. Ich werde in allen Stadtteilen Fenster fotografieren und diese Fenster zum Erzählanlass machen. 

Burkhard Peter: Das wird in unsere Abschlusspräsentation fließen. Wir planen eine Inszenierung mit Musik, Text und Fotos. Und wir würden gerne eine Ausstellung mit Fotos und Textfragmenten machen, zu der noch ein Raum fehlt.


Sie kommen im Jahr nach der Kulturhauptstadt. Sind Sie traurig darüber?

Judith Kuckart: Überhaupt nicht. Das ist ein altes Theaterprinzip: Die besten Szenen entstehen immer vor oder nach einem großen Ereignis. Wie bei Hochzeiten, zum Beispiel: Die Nacht davor und die Nacht danach ist das Spannende. 

Burkhard Peter: Die Kunstsammlungen Chemnitz zum Beispiel sind herausragend. Gerade im Bereich der neuen Sachlichkeit. Ich habe mir eine Dauerkarte für das Museum Gunzenhauser gekauft. Und dann noch das NSU-Dokumentationszentrum und das Kaufhaus Schocken mit dem Archäologiemuseum.
Ich denke, Chemnitz ist in einem überraschenden Maße eine Stadt der Kultur.


Gibt es Impulse, die Sie bei den Chemnitzern hinterlassen wollen?

Judith Kuckart: Was ich schön fände: Wenn sich durch unser Erzählen und durch das Erzählen der Schülerinnen und Schüler, egal ob in Bild oder Wort, eine poetische Schicht über das zieht, was man längst zu kennen glaubt. Wir kommen eben nicht breitbeinig nach Chemnitz und haben eine schlaue Botschaft. Wir sind hier nur zu Gast.

Zur Person

Judith Kuckart, Jahrgang 1959, wuchs am Rande des Ruhgebiets auf und lebt in Berlin. Sie arbeitet als Schriftstellerin und freie Regisseurin.

Burkhard Peter, Jahrgang 1961, wurde in Wuppertal geboren und lebt als freier Fotograf in Berlin. 

Die beiden lernten sich beim Tanztheater Skoronel kennen und pflegen seither eine Freundschaft. Zur Museumsnacht am 9. Mai wird im Tietz eine Installation mit Fotos von Burkhard Peter und Texten von Judith Kuckart zu erleben sein.