Literaturstipendium 2026: Auftaktveranstaltung am 23. April
Zur Auftaktveranstaltung am 23. April 2026 stellen sich die beiden Stipendiaten, Judith Kuckart und Burkhardt Peter, bei der Auftaktveranstaltung zum Literaturstipendium 2026 in der Neuen Sächsischen Galerie vor. Neben einem moderierten Gespräch gab es ebenfalls eine Lesung. In dem Gespräch, das am UNESCO-Welttag des Buches stattfand, gaben beide Einblicke in ihre bisherigen Arbeiten und ihre Pläne für die Zeit in Chemnitz.
Die Laudatio hielt Prof. Ulrike Brummert, docteure d'État der TU Chemnitz.
Laudatio von Prof. Ulrike Brummert, docteure d'État, TU Chemnitz
Sehr geehrte, liebe Judith Kuckart,
Sehr geehrter, lieber Burkhard Peter,
Sehr geehrte, liebe hier in der NSG zusammen Gekommene, um die Literaturstipendiat:innen heute am Tag des Internationalen Buches 2026 zu begrüßen. Wir winken kurz, jedoch begeistert nach Barcelona und Catalunya und fühlen uns wohlig virtuell vereint mit Allen, die heute das Buch und ihre Schöpfer:innen feiern.
Für das Dritte Chemnitzer Literatur Stipendium sind überzeugende und spannende Bewerbungen eingegangen, aber die Ihrige hat mich direttamente überzeugt. Rundudasm. Einfach Überzeugt. Ohne wenn und aber. Toll. Qualitätsausruf, der seine Lebendigkeit unter Beweis stellt. Toll.
Where is the problem? Erst als die Ersten streng geguckt haben, und die Nächsten gekichert haben, und alle mich gefragt haben: Seit wann Photographie denn Literatur sei, und sie fast alle wie diese Dackel – Sie
wissen schon – mit dem Kopf gewackelt haben, stellte ich fest, dass ein wenig Erläuterung oder Untermauerung durchaus einen weiteren Verständnishimmel kreieren könnte ….. kann.
Also …. en avant …. ohne Zögern
Der Text oder warum Photographieren wie Erzählen ist und Literatur sein kann oder muss.
Piano. Das Motto, unter dem ich das aktuelle Literatur Stipendium sehe.
Schon jetzt:
„Unsere Lebensläufe sind die Häuser, aus deren Fenster wir Menschen die Welt deuten: ein Gefäß der Erfahrung für das literarisch Erzählbare." – Alexander Kluge (14.02.1932 – 25.03.2026)
Wir, ich komme darauf zurück …
oder
etwas flacher, herunter gebrochen, in der Kurzform der Alltagssprache des mittleren östlichen NRW. Komprimiert. Sagt diese Formulierung doch, dass eine entscheidende Bewegung beginnt, in Gang gesetzt wird:
„Wo bist du denn wech von?"
Auch das wird noch zu präzisieren sein.
Jetzt aber: Der Text oder warum Photographieren wie Erzählen ist und Literatur sein kann oder muss.
Das Ausgangskoordinatensystem, von dem wir, die Menschen, in die Bewegung starten ….. und die Bewegung retro_aktiv aufrollen und ihr Bedeutung attribuieren, anheften, die unsere Erzählung ist, auch wenn
wir diesen Ausgangspunkt verschweigen oder eskamotieren. Ist unser Leben, aus dem wir uns erinnern und schlussfolgern.
Erinnern ist Erzählen. In der Gegenwart. Erinnern ist eine präsentische Bewegung, Pseudo-Vergangenheit. Janusköpfig. Erinnern bedingt Vergessen, wie Vergessen mit Erinnern verwoben ist.
Erinnern lebt von der Lücke; Erzählen vom Auslassen.
Tanzen ist wie Erzählen. So die einen.
Erzählen ist wie Photographieren. So die anderen.
Ist Tanzen wie Photographieren?
Ich sage ja!
Das Es passiert in der Gegenwart, strebt von einem Ruhepunkt aus in eine Bewegung zu einem Punkt der Ruhe. Dem Endpunkt. Der Aufhebung. Dialektisch. Nichts ist, wie es vorher war, dennoch ist das Vorher darin
enthalten. Eben Aufgehoben im Sinne von verwahrt und nicht mehr gültig, zu dem noch ennobliert, geadelt: hochgehoben. Hat Georg Friedrich Wilhelm Hegel genial erkannt und die Beobachtung versprachlicht, auf Deutsch erzählt.
Vom Sehen, Erzählen zum Materialisieren. Das Gesehen-Werdende, das Erzählt-Werdende möchten materialisiert werden. Wir möchten es materialisieren. Zu Gesehenem. Zu Erzähltem.
Materialisieren.
Das Sehen wird, will, wird Photographieren, das Erzählen wird, will, wird Schreiben.
Texten. Der Text.
Das Einhalten in der Bewegung. Still. Fest. Ein Fixum.
Ein Souvenir. Eine Haltestelle. Ein (vorläufiger) Endpunkt.
Der Text. Das Bild. Das Photo. Der Text.
Die Pointe kann der Auslöser von neuen Geschichten des Erzählenden oder des, der Zuhörenden werden..
Aus der Zeit gehoben. Zeitlos.
Um den Wert der Außer-Zeitlichkeit vergangen.
Aber im Entstehen sind alle Bewegungen, Kulturen, Menschen, Geschichten des Davor darin eingegangen, eingewebt wie in das Hemd der Penelope oder auch eingeschmolzen wie im Hochofen.
Und die eingefrorenen Geschichten generieren, machen die neuen Geschichten, die neuen Bilder, die neuen Bewegungen.
Und so können wir sagen, alles ist Text. Ist Text, weil alles – nach einer anderen Vorstellung – so viele immaterielle Schichten wie Blätterkrokant hat.
Alles stirbt und geht wieder ein durch das, was daraus gefolgt wird.
„Das Gestern will im Heute nicht aufhören zu sprechen." – Judith Kuckart, Café der Unsichtbaren, Zitat im Klappentext des Tbs
Wer erzählt?
Der Eremit ist ins Tal gestiegen und singt im Chor.
Es tanzt in uns, es macht Bilder, es erzählt in uns.
Wir erzählen, lassen erzählen und hören zu.
„Der Inter-Text ist nicht unbedingt ein Feld von Einflüssen, vielmehr eine Musik von Figuren, Metaphern, Wort-Gedanken, es ist der Signifikant als Sirene"
Tanzen und Erzählen, Schreiben sind in rhythmischen Bewegungen ausdrucksstarke Schwestern.
Die Haltung gibt der Tänzerin Halt, auch inneren Halt. Diese Disziplin unterstützt auch das erzählerische Schreiben. So in etwa, eleganter Judith Kuckart selbst in einem Dialog, sie hob die Stimme …. ich war schon in
Ein_ Schlafposition - so ganz konzentriert, ohne Interferenzen, höre ich gerne Gedankengebäude - der Halt, die Haltung der Tänzerin flammte noch einmal auf – Einprägen! - begleitete mich durch die Nacht. Am
Morgen suchte ich nicht, in welcher Sendung ich das Statement gehört hatte. Es war mir wie eine Unterfütterung dessen, was ich schon zuvor gesehen hatte: Haltung absolut winkte mir auf ihrer Webseite entgegen,
spiegelt sich in deren Struktur.
Haltung ist eine conditio sine qua non für Judith Kuckart. Ich fand an anderer Stelle einen Kommentar, der die notwendige Omnipräsenz von Haltung für die Femme-orchestre, Symphonie-Orchester-Frau bestätigt,
und zwar im Rückblick auf die Schreibwerkstatt mit Polizei-Poeten e. V. in Karlsruhe Durlach:
„... gleichzeitig der Magen knurrt, weil trotz des frischen Toten in Reichweite ein frisches Frühstücksbrötchen lockt. Die Wahrheit ist, dass man so – vielleicht – den e i n e n Satz findet, der stimmt. Ach Sche*ße,
Sche*ße der Tod. Und weil so ein Satz ohne Verb keine Haltung hat, fängt man an, nach dem Verb zu suchen. So fängt es an mit dem Schreiben. Bei den Polizisten. Bei den Poeten." – #judithkuckart - 14. November 2025 - Instagram
Wir halten an und blicken durch die Scheiben in die biographischen Häuser: Kontext politiko-soziokulturell_grobkörnig
Judith Kuckart ist an einem 17. Juni in Schwelm geboren, das ist äußerster südwestlicher Rand von Westfalen, mit Katholizismus und Pseudo-Katholizismus in der Zeit Post World War Two ganz besonders, so wie bei
Heinrich Böll, bis in die eigene Familie …. Die Cousins Degenhardt, der Liedermacher Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, der andere, der Kardinal, dem die braven Paderborner nun im Jahr 2026 die Ehrenbürgerschaft und die Präsenz im Stadtbild wieder entziehen ob seiner Verstrickung in sexuelle Gewalt.
Nichts wie weg, wie Ina Siepmann, die Apothekertochter, die Schauspielerin werden wollte, die die jüngere Judith Kuckart hütete, die aus der Bewegung 2. Juni, nach der Lorenz Entführung sich in den Nachwirren des deutschen Herbstes entmaterialisierte, jedoch im Werk von Judith Kuckart präsent ist.
Und Judith tanzte an der Stange, an der Leiste an der Wand im verrauchten Kneipensaal. In den 60ern in Schwelm. Ihr Ausdruck. Ihr Erzählen mit Haltung.
Als sie noch kein Schulkind war, also noch nicht schrieb und las, brachte ihr ihre Großmutter Das blaue Klavier von Else Lasker Schüler bei. Sie lernte es im Nachsprechen auswendig. Zur Rezitation unterm Weihnachtsbaum.
Möchten Sie … Soll ich.… Lassen wir die Menschen entdecken …..
[Judith Kuckart hat Das blaue Klavier selbst rezitiert.]:
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür.
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.
Else Lasker-Schüler – Erstveröffentlichung, NZZ, 7. Februar 1937
Und das Klavier der Etagenpension Florian im Bibliothekar ist blau.
Der Prinz von Theben lebt tanzende, erzählerische Bewegung. 40 Jahre nach dem Tod von Else Lasker-Schüler haben Sie Ihre Magisterarbeit Im Spiegel der Bäche finde ich mein Bild nicht mehr. Gratwanderung einer
anderen Ästhetik der Dichterin Else Lasker-Schüler veröffentlicht. Weitere 40 Jahre später haben Sie sich in C beworben, Judith Kuckart.
Else Lasker-Schüler wird 1869 in Elberfeld geboren, das sich mit der Großstadt Barmen und Anrainern 1929 zu Barmen-Elberfeld zusammenschließt und sich 1930 den Namen Wuppertal gibt. Das deutsche Manchester ….. Friedrich Engels, die Schwebebahn, Tuffi, die Elefantendame, die Schwebebahn fährt, herausfällt und einem Joghurt den Namen gibt, das Schwebebahn Unglück erst 1999, Pina Bausch, Johannes Rau …. Spielt das eine Rolle, wenn man 1961 da hinein geboren wird …im Jahr des Mauerbaus.
Burkhard Peter schweigt sich öffentlich aus.
Schwelm & Wuppertal sind geographische Nachbarn, jedoch verläuft eine Grenze zwischen den beiden Städten, die sich auch in den aktuellen adminstrativo-politischen Einteilungen zeigt:
Schwelm gehört zu Westfalen; Wuppertal über die historische Zugehörigkeit zum Herzogtum Berg zum Rheinland.
Aber davon wech …. wech davon …... von Westdeutschland nach Berlin
Berlin West & Berlin Hauptstadt der DDR, nach dem deutschen Herbst, Wohnungsnot, besetzte Häuser, die ersten Aids Kranken und die ersten Aids Toten, bei den vorgezogenen Neuwahlen am 10. Mai 1981 für das
Abgeordnetenhaus erringt die CDU 48,00 % der Stimmen, Richard von Weizsäcker wird am 11. Juni 1982 zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt. Die Ära SPD endet vorerst in Berlin.
1984 gründet Judith Kuckart das Tanztheater Skoronel, von ihr so genannt nach Vera Skoronel, der genialen Tänzerin und Tanzpädagogin, das sie unter Mitwirkung von Jörg Aufenanger bis 1998
führt. Kassandra nach Christa Wolf im Ballhaus Naunynstr., Ophélia peutêtre als zweites Stück in Paris ….. die spannungsreiche Achse Paris – Berlin. In der Zeit beginnt die sich befruchtende Zusammenarbeit zwischen Burkhard Peter und Judith Kuckart, wenn Burkhard Peter auch erst nach Ende seines Studiums nach Berlin umzieht, die mit dem Wiederbeleben von Skoronel mit den Gründerinnen, Tänzerinnen nach über 20 Jahren sich auch erneut intensiviert.
Im Tun entdecken, dass Tanzen wie Erzählen wie Photographieren ist. Das Ausüben dieser in ihren Charakteristika vergleichbaren Tätigkeiten ist biographisch für Judith Kuckart bildhaft belegt …. ich sage nur Faltenrock.
Für Burkhard Peter könnte auch eine weitere biographische Referenz wirkmächtig sein, die ich aber nicht belegen kann, die ist nur aus dem Blick meines Lebenslauffensters entstanden:
Burkhard Peter hat 1987 – 1991 an der FH Dortmund studiert. Der Studiengang Photographie an der dortigen Hochschule ist von Pan Walther, dem Photographen, gegründet und aufgebaut worden, die Dresdner Persönlichkeit, durch den Ausdruckstanz geprägt, brach Anfang der 50er Jahre nach Münster auf; der agnostische Künstler gestaltete das öffentliche gesellschaftliche, festive und intellektuelle Leben im katholisch barocken Münster nachdrücklich mit; er hatte zu seinem Wahlspruch erhoben:
Photographieren ist wie Tanzen.
Möchte nicht ausschließen, dass er die Studien in diesem Geist etabliert hat; in Dortmund sind sich die Beiden vermutlich nicht mehr persönlich begegnet.
Es kommt auf die Haltung an: der Bewegung folgen, das Ende der Bewegung erahnen, vorausahnen, im entscheidenden Moment, au moment décisif, wie Henri Cartier Bresson es formulierte, auslösen, in der analogen Photographie.
In ihren Bewerbungsunterlagen legt Judith Kuckart eine Fährte zum Denken und exemplarischen Lernen von Alexander Kluge. Ihre Textprobe für C endet:
Als ich am nächsten Vormittag am Bahnhof Kiel zum Zug gehe, riecht es auf dem Vorplatz nicht nach Pommes. Die Bude auf Rädern ist geschlossen.
Der Himmel über mir – ratlos.
Eine Botschaft an die Jury versteckt: Der Himmel über mir - ratlos in Analogie zum Filmtitel Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos von Alexander Kluge, der am 30. August 1968 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt wird und den den Goldenen Löwen von Venedig erhält.
Das hat mich verleitet, der Relation nach zu spüren;
Voilà:
Alexander Kluge habe ich Anfang der achtziger Jahre in Berlin kennengelernt. In einem der besetzten Häuser – Nähe Anhalter Bahnhof – habe ich Alexander Kluge eine Woche lang erlebt, wie er in einem verdunkelten Raum, der früher ein Blumenladen gewesen war, seine Filme zeigte und anschließend oben auf dem flachen Dach mit uns diskutierte. Er erklärte, dass in privaten Lebensläufen nicht nur traurige Geschichten, sondern auch Geschichte festgehalten werde, dass das Inventar, mit dem wir uns letztendlich orientieren, die Macht der Gefühle sei und nicht die Vernunft oder eine Skala von wackligen Werten. Er versicherte uns, dass wir vielmehr wissen als wir verstehen, dass in den Grundfesten unseres Staates Leichen eingemauert sind und dass die Überlebenden meistens darüber schweigen, aber die Toten reden. Wir sprachen auf jenem illegalen Dach und dort dem Himmel ein wenig näher darüber, worauf man vertrauen, wie man sich schützen und was man fürchten müsse, und dass das Eigentum, welches unbestritten ein jeder von uns besitzt, seine Lebenszeit und seine Libido sind. Ich erinnere mich, welche Stimmung jene Gespräche beherrschte. Es war die politische und persönliche Gestimmtheit dieses damals für uns schon älteren Herrn Kluge mit den schweren Augen, der sanft und vehement auf uns einredete. Er w a r die Sommernacht.
„Unsere Lebensläufe sind die Häuser, aus deren Fenster wir Menschen die Welt deuten: ein Gefäß der Erfahrung für das literarisch Erzählbare." – Alexander Kluge, Runtergebrochen im inneren Monolog des Bibliothekars: die Franse.
Er, eine Franse im Zeitgeschehen, das Zeitgeschehen eine Franse an ihm.
Die Welt zwischen den Nachrichten, der jüngste Roman von Judith Kuckart kann (auch) als Exemplifizierung, als Ausrollen, als Überprüfen dieser Annahme, dieses lebensweltlichen Modells gesehen werden:
Erprobung und Bestätigung.
„wer immer siegt sürzt ab" – NSG 2026, vielleicht doch eher am Schluss.
Zur Präsentation der Photographie habe ich Modelle wie eine Postkarte, eine Posterausstellung etc. entwickelt und verworfen; da Burkhard Peter seine Photographien selbst vorstellt, werde ich lediglich Fährten legen,
sprachlich, wenn Photographie denn schon Literatur ist …. und die Aufgabe der weiteren Vernetzung der Gedanken an Sie alle delegieren.
Bei der Entwicklung des Experimentsaufbaus ist mir eine Auftragsphotographie aufgefallen, die in ihrer Harmlosigkeit jedoch vielseitige literarische Erzählungen der Großen Geschichte und der einzelnen Menschen in sich trägt:
ein Photo vom Bahnhof Zoo für einen bebilderten Erzählband über das vergangene Insel-Berlin aus dem Jahr 2005.
Eine Schwarz/Weiß Photographie: der Bahnhof Zoo, mit Fläche davor, Blickrichtung von der Gedächtniskirche kommend, die postmodernen BVG Häuschen aus den 80ern, den Betrachtenden in die Unterführung der Hardenbergstraße hineinsaugend oder zur Bahnhofshalle hinaufschauend einladen; sie, die Photographie, mutet an wie ein touristisches Erinnerungsbild.
Reißen wir mögliche zu erzählende Geschichten stichwortartig an:
die transparenten Glasscheiben der Bahnhofshalle, die die gelblich trüben Undurchsichtigen ersetzt haben, Christiane F. und die Kinder vom Bahnhof Zoo, die Kaffeedamen der Terrassen am Zoo, zuweilen an Mampe Weinbrand nippend, Ullrich, der Verbrauchermarkt in den Eingeweiden, die versunkene Heinrich Heine Buchhandlung und … der D 242, Warschau – Paris Nord, mit Kurswagen von Moskau & Kurswagen nach Ostende
15.40 Uhr, täglich.
Um den persönlichen Stil des Photographen Burkhard Peter zu definieren handelt es sich nicht um die aussagekräftigste Aufnahme, hier ging es mir darum, das literarische inhärente Potential von Photographie auf zu
zeigen in einer Variante zu unzähligen nicht Genannten, verborgen Gebliebenen.
Aufgrund der Schärfeneinstellungen, der Reduzierung des Umfeldes des Hauptsujets, Klarheit, zuweilen so etwas wie klinische Reinheit in den Aufnahmen sehe ich Burkhard Peter in der Tradition der Neuen Sachlichkeit.
Was die Darstellung von Menschen betrifft, in der Fortführung des Ansatzes von August Sander und bezüglich der Objekte in der Tradition von Albert Renger Patzsch, nicht Bernd und
Hilla Becher unter dem Aspekt der Betonung des Seriellen, sondern die Betonung der Singularität des Repräsentierten.
Sehen wir uns seinen Zimmermann Auf der Waltz an, könnte er auf den hessischen Hügeln mit dem Sanderschen männlichen Dreigestirn im Sonntagsstaat stehen …..Wolfgang Schäuble als Finanzminister und Vertretern einzelner Berufsgruppen wird durch die Festlegung des Hintergrunds, einer Geste, eines zugeordneten Objekts das Berufstypische herausgearbeitet, im Respekt des Individuellen.
Eine Reportage über Integration im Schulzentrum Rostock-Evershagen steht im Einfangen des lebendigen Augenblicks, dem Einfrieren der Bewegung dem künstlerischen Ausdruck eines Robert Doisneau in nichts nach.
An den Stilleben medizinischer Implantate hätte Renger Patzsch seine helle Freude.
Es gibt noch einen weiteren Bereich, in dem Burkhard Peter hauptsächlich excelliert, was er selbst unter urban landscape photography subsumiert. Ausgewählte Beispiele zeigt er auf seinem Instamgram Account.
Den Urvater dieses Photographiezweigs sehe ich in Eugène Atget, der aus der Gironde nach Paris kommt, die Stadtlandschaft in ihren Veränderungen, Wunden und Narben aufnimmt, den wir ohne Berenice Abbott nicht kennengelernt hätten.
Durch die Mutationen und Zerstörungen des 20. Jahrhunderts blüht dieses Genre auf: Ruinen, Lost Places.
Burkhard Peter interessieren weder die einen noch die anderen, sondern das Zwischenstadium zwischen Intaktsein und Verfall, in dem Menschen durch Flicken die verletzten Bauten zu retten suchen, wie mit Pflastern
beklebt und notdürftig verbunden. Die agiert habenden Menschen sieht man nicht.
Eine Sammlung der traumatisierten Häuser und tapferen Stadtlandschaften heißt Somewhere in Germany. 2025 Unter irgendwo in Deutschland im Kulturhaus Osterfeld in Pforzheim ausgestellt.
Die Serie steht im Kontext der ausfransenden Städte: was ist Stadt, Stadtrand, Peripherie, Land. International und national auch Spiegel der brennenden Vorstädte …. der Verwerfungen der zerrissenen Gesellschaften in ihrem Kommunikationsverlust und unendlichen Hass.
Judith Kuckart und Burkhard Peter sind jeder für sich ein Symphonieorchester schöpferischer Energien, gemeinsam sind ein großes transkulturelles translokales A Orchester.
Was sie seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Gestaltungsformen mit unterschiedlichen Publika interaktiv unter Beweis gestellt haben.
Alles ist Text, alles sich immer wieder recycelnder Text.
Hier ist nur ein klitzekleiner Einblick gegeben worden unter dem Aspekt:
Tanzen
Wie
Erzählen
Wie
Photographieren.
Judith Kuckart & Burghart Peter wirken, erzählen, photographieren seit 2022 in dem noch nicht abgeschlossenen Projekt Transit (Arbeitstitel) der Akademie der Künste Berlin zusammen.
2023 haben sie gemeinsam den Landgang im Oldenburger Land gestaltet, das dortige Reise-Literaturstipendium mit anschließender Präsentation in der Region.
Zwei Stimmen abschließend von außen.
„Die von dem Fotografen Burghard Peter eingefangenen Situationen werden zu Bühnenbildern für die Phantasie des Alltäglichen." – So Silke, die Kuratorin der Pforzheimer Ausstellung.
„Nicht vielen Autoren gelingt es, so die Veranstalter, mit wenigen Sätzen einen ganzen poetischen Kosmos zugleich auf- und abzuschließen. Gerade das aber kennzeichne die Prosa der Tänzerin, Choreographin, Regisseurin und Erzählerin Judith Kuckart, die den Leser mit immer neuen poetischen Wendungen und faszinierenden körperlich-sinnlich Bildern in ihren Bann zu ziehen verstehe. Andeutungen und Auslassungen hielten die Texte auf ganz eigentümliche Weise in der Schwebe und böten dem Leser dadurch vielfältige Anschlussmöglichkeiten für das Nachdenken, die Reflexion, auch das Träumen."
Ganz C, und wir hier im besonderen, freuen uns auf den erzählerischen Austausch mit Ihnen.
Ihnen Allen danke ich sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.
(Es gilt das gesprochene Wort.)