Stolpersteinverlegung am 6. Mai 2026
Am 6. Mai 2026 wurden in Chemnitz 19 weitere Stolpersteine verlegt, die an Menschen erinnern, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden.
Bürgermeister Ralph Burghart eröffnee den Tag am Standort Eulitzstraße 7, an dem für Hanna Luise Sachs, geb. Cohn, ein Stolperstein verlegt wurde. Ihre Tochter Tana Sachs war ebenfalls vor Ort und sprach emotionale Worte. Sie wurde 1938 in Chemnitz geboren und ist damit eines der letzten jüdischen Kinder, das in Chemnitz während des Holocaust geboren wurde.
Die 19 Stolpersteine an acht Orten in Chemnitz im Einzelnen:
Eulitzstraße 7 (früher Eulitzstraße 13)
Stolperstein für Hanna Luise Sachs, geb. Cohn
Den Auftakt bildete die Verlegung eines Stolpersteins für Hanna Luise Sachs, geb. Cohn, das älteste von drei Kindern des Rechtsanwalts Dr. Fritz Cohn und seiner Frau Margot. Seit 2014 erinnern an dem ehemaligen Wohnort der Familie in der Eulitzstraße zwei Stolpersteine an das tragische Schicksal der Eheleute. Jetzt kommt ein Gedenkstein für Tochter Hanna hinzu, die im April 1939 nach Argentinien floh, wo sie bis zu Ihrem Tod lebte.
Hanna besuchte gemeinsam mit ihrer Schwester Hilla bis 1937 die Höhere Mädchenbildungsanstalt in Chemnitz und lernte später an der orthodoxen Jüdischen Haushaltungsschule in Frankfurt (Main). Ihr Verlobter, Gerhard Sachs, hatte in Argentinien eine Arbeit gefunden und konnte im April 1938 das Land in Richtung Buenos Aires verlassen. Hanna brachte am 28. Dezember 1938 noch in Chemnitz Tochter Tana zur Welt und folgte gemeinsam mit ihrer Tochter dem Ehemann im April 1939 nach Argentinien, wo die Eheleute bis zu ihrem Tod lebten. Laut Auskunft von Tochter Tana Sachs starb Hanna Sachs nach langer schwerer Krankheit in einem Pflegeheim.
Paten: Teresa Pinheiro und Nomi Drachinsky
Agricolastraße 63
Stolpersteine für Carl Leder und Margarete Leder, geb. Plaut
Carl Leder, geboren am 23. August 1888 in Berlin, besaß die rumänische Staatsangehörigkeit. Seine Eltern hatten das Land aufgrund wachsender Judenverfolgung verlassen. Carl Leder war in Chemnitz für die Strumpffabrik Siegfried Peretz tätig.
1920 heiratete er hier Margarete Plaut, im Juli 1925 kam Tochter Lee Wilma zur Welt.
Als Ende 1921 die Siegfried Peretz OHG in eine Aktiengesellschaft überführt wurde, wurde Carl Leder neben Albert Peretz, dem Sohn des Firmengründers, in den Vorstand gewählt. Der berufliche Aufstieg erlaubte der Familie ein Leben in Wohlstand. Mit der NS-Machtübernahme jedoch begann eine Zeit der Entrechtung und Verfolgung.
Nachdem Carl Leder 1937 aus der Siegfried Peretz AG gedrängt wurde, bereitete er die „Auswanderung“ vor, die im April 1939 endlich erlaubt wurde. Er blieb zunächst in England, wohin Gretl Leder krankheitsbedingt erst vier Monate später folgen konnte. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, blieb ihnen als „feindliche Ausländer“ eine Internierung zunächst erspart, später wurde Carl Leder für einige Monate im Camp Hutchinson in Douglas (Isle of Man) interniert. Infolge der Entbehrungen starb er am 8. August 1944.
Gretl Leder zog im Juli 1947 zu ihrer Schwester Hedwig Bonn nach New York. Fünfzehn Jahre später zog sie zu ihrer Tochter Lee nach Los Angeles. Gretl Leder starb dort 1982.
Paten: Ute und Peter Krebs sowie privat
Katharinenstraße 10
Stolpersteine für Heinrich Frank, Rosa Frank (geb. Frank), Leonore Frank und Erwin Konrad Frank
Heinrich Frank wurde als ältester Sohn des Trikotagenfabrikanten Julius Frank in Chemnitz geboren. Er gehörte zu den jüdischen Weltkriegsteilnehmern, hatte sich im September 1914 für einen Einsatz an der Front gemeldet.
Im Mai 1922 ging Heinrich Frank die Ehe mit Rosa Frank ein. Das junge Ehepaar wohnte in der Katharinenstraße 2. Ihre zwei Kinder Leonore und Erwin Konrad wurden in der Staatlichen Frauenklinik Chemnitz geboren.
Die NS-Machtübernahme im Jahre 1933 bedeutete für den Fabrikdirektor Heinrich Frank, dass er bereits im März 1934 aus der Marschel Frank Sachs AG „ausscheiden“ musste. Er blieb aber bis 1937/38 Gesellschafter. Bald darauf zog die Familie nach Berlin. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er dort verhaftet und in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Am 23. Dezember 1938 wurde er wieder entlassen. Im März 1939 wurde Heinrich Frank und seiner Familie die Auswanderung nach Palästina erlaubt.
Heinrich Frank verstarb im Mai 1955 in Israel. Seine Witwe Rosa zog 1958 in die USA, wo ihre Kinder bereits seit einigen Jahren lebten. Sie verstarb im Oktober 1982 in New York. Ihre Tochter lebte als zweifach verwitwete Leonore Schoenbeck bei New York. Daniel Feldmann, ihr Sohn aus erster Ehe, lebt seit 1971 mit seiner Familie in Australien.
Erwin Frank ist seit 1954 mit Ursula Brauer verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder: Ronald und Diane. Die Geschwister weilten 1997 zu den „6. Tagen der jüdischen Kultur“ in Chemnitz.
Paten: Sven Hösel und Jana Schneider, Christin Schneider und Ron Schneider, Evangelisches Schulzentrum Leukersdorf, Astrid Ahnert
Stollberger Straße 38
Stolpersteine für Sally Spiro, Nina Spiro (geb. Beck) und Michael Spiro
Der Kaufmann Sally Spiro lebte bis April 1921 in Bremerhaven, wo sich seit 1903 auch ein Kaufhaus Schocken befand, das Joseph Schocken und Jakob Spiro, Sallys Onkel, eröffnet hatten. Ab Mai 1921 unterstützte er in Chemnitz die Brüder Schocken bei der Einrichtung einer Einkaufszentrale für den Großhandel. Mit der Gründung einer eigenen Strumpffabrik unter dem Namen „Brüder Spiro Strumpffabrik“ im Jahr 1925 etablierte er sich hier beruflich. Nach der Hochzeit im Jahr 1927 brachte Ehefrau Nina Spiro, geb. Beck, 1929 den gemeinsamen Sohn zur Welt: Werner Adolf Michael. Mit der Errichtung der NS-Herrschaft sah sich Sally Spiro gezwungen, das Fabrikgrundstück zu verkaufen, damit verbunden war auch die Übertragung der Firma.
Im Mai 1938 trat die Familie die beschwerliche Ausreise nach Neuseeland über England und Kanada an, wo sie fortan in Christchurch lebten. Michael Spiro verlegte später seinen Wohnsitz nach London, wo er bis zu seinem Tod am 5. Oktober 2025 lebte.
Paten: privat, privat, Beate Schwabe und Dr. Susi-Hilde Michael
Beckerstraße 13
Stolpersteine für Gerhard Frank, Elisabeth Frank (geb. Goeritz), Günther Konrad Frank und Horst Heinz Frank
Gerhard Frank wurde als dritter Sohn des Trikotagenfabrikanten Julius Frank in Chemnitz geboren. Von 1903 bis 1910 besuchte er das Realgymnasium in Chemnitz, das sich damals noch an der Reitbahnstraße befand.
Im Dezember 1922 vermählte sich Gerhard Frank mit Elisabeth Goeritz, zwei Söhne wurden geboren: Günther Konrad und Horst Heinz.
Gerhard Frank wurde nach dem frühen Tod von Horst Goeritz 1925 zum alleinigen Vorstand der Gebr. Goeritz Aktiengesellschaft ernannt und war zudem Vorsitzender und sportlicher Leiter des jüdischen Sportklubs Schild. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er für einen Monat in das KZ Buchenwald verschleppt. Im Januar 1939 musste er im Zuge der „Arisierung“ der Gebr. Goeritz AG seinen Vorstandssitz aufgeben.
Elisabeth Frank hatte im Sommer 1938 Deutschland in Richtung Kuba verlassen, von dort aus gelangte sie im Dezember 1938 in die USA. Im Frühjahr 1939 konnte Gerhard Frank mit den Söhnen nach Holland auswandern. Dank der Bemühungen ihrer Mutter konnten Horst und Günther im Juli 1939 ebenfalls in die USA emigrieren.
Gerhard Frank, der auf eine „Immigrationsquotennummer“ warten musste, blieb allein in Holland zurück. Nach der NS-Okkupation des Landes wurde er im Durchgangslager Westerbork (Vreemdelingen Camp) interniert. Er überlebte und traf am 20. Juli 1946 in New York bei seiner Familie ein.
Gerhard Frank starb dort im November 1972, Lissi Frank überlebte ihn um 14 Jahre. Günther Konrad lebte bis zu seinem Tode in New York. Horst Heinz vermählte sich 1954 in Miami (Florida) mit Rosalyn Morris, mit der er zwei Kinder, Wayne Leslie und Nancy Eileen, hatte.
Paten: Kirsti Brand-Wiedbusch, Ingo Kübeck, Franziska Sieber und Jan Sieber, Omas gegen Rechts Chemnitz
Hohe Straße 9
Stolperstein für Else Schendel (geb. Wolffheim)
Else Wolffheim vermählte sich am 9. Juni 1913 in Berlin mit dem Kaufmann Hermann Schendel, der in Chemnitz ein Herren- und Knabenkonfektionsgeschäft im Haus Lange Straße 22 besaß. Die Eheleute hatten zwei Töchter: Gerda und Margit Ursula. Die Familie wohnte eine Zeit lang im Haus Stollberger Straße 35, bevor sie um 1934 im Haus Hohe Straße 9 eine angemessene Wohnung fanden.
Als Hermann Schendel im März 1936 verstarb, löste Else Schendel das Geschäft auf und verkaufte im Herbst 1939 das Geschäftsgrundstück. In der Folgezeit verlegte sie ihren Wohnsitz nach Berlin-Charlottenburg, wo ihre Tochter Margit Ursula seit Juni 1937 wohnte.
Mit dem 19. Osttransport wurde Else Schendel gemeinsam mit 800 Personen am 5. September 1942 in das Ghetto nach Riga deportiert. Drei Tage später wurde sie ermordet. Die überlebenden Töchter ließen nach 1945 auf dem Grabstein ihres Vaters einen Zusatz in Erinnerung an ihre Mutter Else Schendel, geb. Wolffheim, anbringen.
Paten: Franka und Daniel Dost
Zwickauer Straße 36 (heute Zwickauer Straße/Ecke Reichsstraße)
Stolpersteine für Alfred Ascher und Edith Ascher (geb. Werner)
Der Kaufmann Alfred Ascher gehörte zu den zahlreichen jüdischen Schuhhändlern in Chemnitz. Seine Schuhhandlung befand sich am Markt 14/15. Seine kaufmännische Lehre hatte er im elterlichen Schuhgeschäft absolviert, das infolge der Weltwirtschaftskrise 1928 geschlossen werden musste.
Nach seiner Verhaftung mit dem Novemberpogrom 1938 und der Überführung in das KZ Buchenwald beschloss er nach seiner Freilassung im Januar 1939 gemeinsam mit seiner Ehefrau Edith Ascher, geb. Werner, das Land zu verlassen. Sie übersiedelten nach Belgien und erhielten vier Monate vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien die Einreisevisa in die USA. Mit dem Passagierschiff „Westernland“ erreichten sie am 3. Februar 1940 New York. Von dort begaben sich die Eheleute nach East Orange (New Jersey), wo ein Cousin lebte. Die Eheleute hatten eine Tochter, Sonia Claire wurde im Jahr 1942 geboren. Später wohnte die Familie in Manchester, Hillsborough (New Hampshire).
Paten: Maret Wolff / Kino Metropol, Rena Lippmann
Brückenstraße 6 (ehemalige Brückenstraße 14)
Stolpersteine für Ilse Ruth Lachmann und Eva Irene Lachmann
2012 wurden in Gedenken an Dr. Alfred Lachmann, seine Ehefrau Helene und ihren Sohn Werner drei Stolpersteine an der Stelle verlegt, wo sich einst das mehrgeschossige Geschäfts- und Wohnhaus befand, in dem die Familie über 20 Jahre wohnte.
Den Töchtern war schon frühzeitig die Auswanderung geglückt. 1938 konnte Ilse Ruth Lachmann als Hausangestellte ihren Wohnsitz nach England verlegen, wo sie 1942 ihren Sohn Michael zur Welt brachte. Aufgrund ihrer Arbeit für die britischen Zivilbehörden musste sie ihren Sohn in einem Heim in Liverpool unterbringen und verlor den Kontakt zu ihm. 1950 wanderte Ilse nach Australien aus, in der Hoffnung, ihren Sohn, der bei australischen Adoptiveltern aufwuchs, dort zu finden. Ihre Hoffnungen erfüllten sich nicht, sie verstarb 1998 in Redcliffe. Sohn Michael erfuhr erst 2011 seine wahre Herkunft. Er besuchte 2022 die Geburtsstadt seiner Mutter und die Stolpersteine zu Ehren seiner Familie.
Eva Irene Lachmann war ebenfalls im Jahr 1938 nach England ausgewandert. 1945 wanderte sie nach Palästina aus und änderte dort ihren Vornamen in Chava. Mit ihrem Ehemann Wilhelm Shimon Feuchtwanger hatte sie zwei Kinder: Tamar und Amos. Bis in die 1960er Jahre hinein hatte Chava Kontakt zur Jüdischen Gemeinde in Karl-Marx-Stadt. Sie lebte bis zuletzt in der Stadt Ramat Gan, wo sie am 25. Mai 2005 verstarb.
Paten: Schülerinnen und Schüler des Georgius-Agricola-Gymnasiums Chemnitz, Christina Michel